So, jetzt mal wieder etwas mehr Zeit gehabt und aktuell bei rund 35 Stunden im ersten Teil von Kingdom Come. Bin jetzt auch weitestgehend fertig in Rattay und so richtig in der Open World unterwegs. Muss wirklich zugestehen, dass KCD jetzt nach Skyrim und The Witcher 3 das erste "casual" Singleplayer-RPG (die Fromsoft-Games nehme ich da mal raus) seit Langem ist, das mich dauerhaft fesselt und wo ich mich jedes Mal sehr freue, wenn ich mal wieder einen (halben) Abend Zeit dafür habe.
Tatsächlich sind die ersten ca. 10 bis 15 Stunden bei KCD die größte Hürde. Vieles fühlt sich da holprig und sehr gewöhnungsbedürftig an (v.a. das Kampf- und Speichersystem) und oft lässt einen das Spiel mit seinen Fragen etwas alleine. Wenn man sich aber darauf einlässt und alles erstmal auf sich zukommen lässt und selber etwas experimentiert, erübrigen sich viele Fragen im späteren Verlauf sowieso und dann nimmt das Spiel auch erst richtig an Fahrt auf.
Einziger Kritikpunkt nach wie vor: V.a. bei Banditenlagern oder auch den Schnellreise-Begegnungen hat man es sehr zackig mit mindestens 3 bis 4 (oft starken) Gegnern zu tun, was meist ein direktes Todesurteil ist. Das ist etwas schade, da dann oft der letze Speicherpunkt etwas zurückliegt und man stellenweise viel nochmal machen muss.
Aber ich liebe es mittlerweile einfach auch, die unwahrscheinlich glaubhafte Mittelalterwelt zu durchstreifen, den Wind in den Bäumen und das Vogelzwitschern in den Wäldern zu hören, Sonnenaufgänge über den satten grünen Wiesen zu erleben und auch mal in einer verregneten Nacht auf dem Weg zu meiner nächsten Quest Schutz in einem Wirtshaus zu suchen. Gerade das am Anfang gewöhnungsbedürftige, eher langsame Spieltempo ist es, was ich mittlerweile bei KCD sehr schätze. Ich pflüge gerade nicht wie in Skyrim fast direkt nach dem Start durch den ersten Dungeon und haue zig Banditen oder Untote aus den Latschen. Vielmehr stolpere ich als unbeholfener Schmiedesohn durch die Welt, muss mich oft vor Banditen und Schurken in Acht nehmen und statt dem Schwert auch öfter geschickt Überredungskünste nutzen, um an mein Ziel zu kommen. Dazu kommt, dass das Aufleveln meist sinnvolle Neuerungen mit sich bringt, den Charakter aber (zumindest bis jetzt) auch ganz und gar nicht übermächtig macht.
Und gerade diese Mischung aus viel Interaktion mit den NPCs, dem langsamen Erkunden der Welt, dem Entdecken ihrer kleinen und großen Geschichten samt den Nebenaktivitäten wie jagen, stehlen oder Leute übers Ohr hauen sind es, was mir an KCD so gut gefällt. KCD schafft es da (auch mit seinem wunderbar beruhigenden mittelalterlichen Soundtrack), dass man sich wunderbar in der Welt verlieren und darin eintauchen bzw. richtig abschalten kann. Ich finds nach den anfänglichen Startproblemen wirklich toll mittlerweile.
Und mit dem Wochenende nun durch in Kingdom Come: Deliverance, inkl. der ganzen DLCs. Wow, was für ein Abenteuer das nun war. Ich habe mit Heinrich Räuberbanden bekämpft und mich gegen Ende sogar einer angeschlossen, mit einem Pfarrer die Nacht durchzecht, mich im Kloster als Mönch aufnehmen lassen, nur um dort einen Mord zu begehen, habe Geister ausgetrieben, war Wingman für einen verwöhnten Thronerben und habe ihm nachts aus dem Busch Gedichte eingesagt, habe eine Burg belagert und gestürmt, habe ein ganzes Dorf neu aufgebaut,... man könnte tatsächlich noch ewig so weitermachen, KCD war wirklich sehr groß und vielseitig.
Und dabei war es nicht einmal die Hauptstory - die mich sogar etwas enttäuscht hat - die den Spieler so sehr in den Bann zieht. Denn vielmehr sind es die kleinen, glaubwürdigen Geschichten, Aktivitäten und Nebenquests am Wegesrand, die KCD ausmachen. Die Hauptstory dient eher als roter Faden im Hintergrund, hält aber nicht allzu viele Überraschungen bereit, ist eher Mittel zum Zweck. Seine volle Pracht entfaltet KCD in diesen zahlreichen kleinen Geschichten, die es auch tatsächlich schaffen, dass man sich für die alltäglichen Nöte und Sorgen der Leute im mittelalterlichen Böhmen interessiert und so gut wie möglich helfen und diese lösen möchte. Sei es, ob man jetzt einen Konflikt zwischen zwei Streithähnen schlichten, einen Kranken heilen oder ein ausgebüxtes Pferd wieder zu seinem Besitzer zurückbringen muss, good Guy Heinrich ist jederzeit zur Stelle. Daneben werden die einzelnen Elemente des Spiels - Gespräche führen, kämpfen, Alchemie, etc. -stets für ausgeschöpft und ich darf auch öfter mal entscheiden, ob ich z. B. den benötigten Trank selber braue oder einer Zielperson stehle. Und tatsächlich sind die "kleinen Geschichten drumherum" auch sehr spannend geschrieben, in nahezu allen Sidequests wollte ich unbedingt wissen, wie es weitergeht.
In einer Steam-Rezension hieß es so sinngemäß: "KCD ist wie ein Besuch bei Ikea. Du brauchst eigentlich nur einen Stuhl, am Ende merkst Du aber, dass viel zu viel andere kleine Sachen eingekauft hast, an denen Du so viel mehr Freude hast als an diesem einen Stuhl." Das kann man tatsächlich so stehen lassen.
Was mir im weiteren Spielverlauf auch sehr gut gefallen hat, war die ordentliche Portion Humor in KCD. Allein die Quest, bei der ich - wie oben schon angerissen - Herrn Hans beim Werben um seine Flamme nachts aus dem Gebüsch säuselnde Gedichte einsagen muss, hierbei wegen akustischen Schwierigkeiten aber ganz andere Strophen herauskommen, ist an Ulk nur schwer zu überbieten. Die lustigen Passagen sind dabei durchaus Slapstick-artig, jedoch auch nie überzogen oder pseudo-lustig. Tatsächlich habe ich das ein oder andere Mal wirklich gelacht, was in einem Spiel so gut wie nie vorkommt.
Ja, was ist sonst noch erwähnenswert? Ja, da war doch noch was mit dem Kampfsystem. Tatsächlich einer der wenigen Schwachpunkt von KCD, jedoch in einer ganz besonderen Hinsicht: Im Mittelteil und gegen Ende ist das Kämpfen nahezu überhaupt kein Problem mehr, ganz im Gegenteil. Ich hatte dann sogar richtig Bock, mich in vielen Versuchen im anspruchsvollen Rattayer Turnier zu messen und das Kampfsystem zu meistern. Und ohnehin macht Kämpfen in KCD nur einen Bruchteil der Spielaktivitäten aus. Wenn man sich offen drauf einlässt und die hohe Anfangshürde des Kampfsystems überwindet, bekommt man sehr spannende Zweikämpfe serviert, die einen richtig ins Schwitzen bringen und Laune machen. Leider schreckt das System aber anfangs wirklich stark ab, ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht auch überlegt habe, KCD aufgrund dieses anfangs sperrigen Systems, insbesondere in Verbund mit dem Speichersystem, ad acta zu legen. Hier sollte es zumindest eine Quicksave-Funktion geben, da man anfangs wirklich oft und schnell überfordert ist und teils eine halbe Stunde bis Stunde seit dem letzten Speicherpunkt des Spiels wiederholen muss. Das schreckt ab.
Die DLCs runden das Mittelalter-Erlebnis dann noch schön ab, wobei hier die Qualität des Hauptspiels nicht immer gehalten wird, v. a. der Theresa-DLC war etwas zu langatmig und sperrig. Dafür war der Wiederaufbau des Dorfes Pribyslawitz richtig spaßig, wo ich teils sogar entscheiden durfte, welche Gebäude gebaut werden sollen. Dieser DLC hätte meinetwegen sogar gern noch länger und mehr in die individuelle Tiefe gehen können.
Insgesamt bin ich froh, mich am Anfang durchgebissen zu haben. KCD ist für mich, nach 100 Stunden Spielzeit, gerade wegen seiner vielen kleinen Geschichten und seiner insgesamt ruhigen Mittelalter-Atmosphäre ein richtiges Highlight, was Singleplayer-RPGs angeht. Freue mich schon unglaublich auf den zweiten Teil, wenn ich mal wieder viiiieeel Zeit habe.