Hugin
Till Deaf Do Us Part
Dann werde ich mal berichten, über diesen Film hier, der heute Nachmittag aus Spanien angekommen ist und heute Abend angemessen erstverkostet wurde:
GAUA (The Night) - 2025
Es handelt sich, wie bereits gesagt, um einen recht aktuellen baskisch-spanischen Spielfilm, den ich als mystischen, märchenhaften Fantasy Horror mit durchaus sehr präsenten sozialkritischen Bezügen beschreiben würde.
Er spielt im frühen 17. Jahrhundert im ländlichen Baskenland, das von patriarchalen Strukturen, einer rigiden klerikalen Knute, der spanischen Inquisition, Aberglaube und Denunziantentum geprägt ist. Kattalin (Yune Nogueiras) heiratet aus Not ihren verkrüppelten, gewalttätigen und übergriffigen Ehemann Pello (Xabi Jabato Lopez). Der Film beginnt damit, dass sie Pello nach etlicher entwürdigender Schikane mit Pilzen zu vergiften versucht und dann vor ihm in den Wald flieht. Dort wird sie von diffusen Schatten und dunklen Gestalten verfolgt, wohl von ihrem Gewissen, bis sie schließlich drei alten, misstrauischen, aber nicht gänzlich unsympathischen Hexen in die Arme läuft, die sie halb seherisch, halb orakelnd durch das führen, was sie angeblich über die letzten Wochen, und über die Ereignisse erfahren haben, die Kattalin in diese Situation und an diesen Ort gebracht haben.
Dabei begegnen wir in vier ineinander übergehenden Episoden der im Sterben liegenden jungen Frau Maritxu, der weder der priesterliche Exorzismus, noch die in letzter Not beschworene Hexenkunst der alten Kräuterfrau Estertxi zu helfen scheint; dem fanatischen, sich selbst kasteienden Dorfpriester Mateo, der Maritxus Schicksal als gerechte Strafe für deren Unzucht mit Kattalin erachtet, die er auf der Jagd im Wald beobachtet hat. Damit erpresst er dann Pello und Kattalin, vor der Inquisition gegen Esterxi auszusagen, und fällt selbst dem Wahnsinn anheim, von Visionen verfolgt. Als die alten Hexen schließlich Kattalin mit ihrem Verrat an ihrer alten Schwester Esterxi konfrontieren, steht sie vor der Wahl, zu ihrem übergriffigen Ehemann zurückzukehren, oder sich einem Hexentribunal zu stellen.
Die Geschichte ist faszinierend und märchenhaft bebildert, wird filmisch in psychedelisch-düstere Farben getaucht, die an "El aquelarre" von Francisco Goya erinnert und verbindet die mittelalterliche und frühneuzeitliche baskische Mythenwelt, insbesondere den Akerbeltz-Mythos um den schwarzen Ziegenbock als von der christlichen Mission dämonisierten Schutzgeist der Natur, mit manifester, sich jedoch nicht vor das Märchen an sich drängender Kritik an patriarchalem und klerikalem Machtmissbrauch, bigotter Dämonisierung und Leibfeindlichkeit der Kirche, den Übergriffen der Inquisition unter Einsatz von Erpressung, Rufmord und Denunziantentum. Weitere Mythengestalten, die eine Rolle spielen sind aus dem Gaueko-Mythos (ein Nachtherrscher, der die braven Menschen nächtens im Haus halten soll), der Inguma-Mythos (eine Nachtmahr-Gestalt), und jener von drei Weibern der Nacht (Las Tres Mujeres de la Noche). Auch das Scheren der Haare nicht gottgefälliger Frauen in den Hexenprozessen unter Inquisitor Pierre de Lancre ist Thema und Motiv.
Die Botschaft ist am Ende, verklingend in einem orgiastischen, psychedelischen Hexensabbat, dass wir uns die Dämonen zu eigen machen mögen, die sie ersonnen haben, um uns zu schrecken und zu knechten, dass wir sie hegen und pflegen sollen, auf dass sie wachsen und gedeihen mögen, damit sie sich am Ende gegen jene wenden mögen, die uns unterdrücken. Es schwingt ein wenig neopaganes Reclaiming mit, und auch ein ordentliches Maß an Feminismus, würde ich sagen. Und ich finde es äußerst faszinierend, den Film in der fremd und irgendwie okkult klingenden baskischen Sprache zu hören (mit Untertiteln). Daneben gibt es auch eine Tonspur in Kastellanischem Spanisch. Untertitel werden ausgeliefert in Baskisch, Kastellanisch, Katalonisch, Galizisch und Englisch (ja, zum Glück auch das).
Toller Film, großartige Bilder, wunderschöne Kostüme (baskischen Trachten des 16./17. Jahrhunderts nachempfunden), eigenwilliger Mythos, unverbrauchtes Setting und Casting, spannende Sprache, schöne Untertöne auf der Metaebene.
Die BluRay-Box enthält den Hauptfilm auf Disc 1 in Farbe und in Schwarz/Weiß. Disc 2 enthält Extras wie Making Of, Storyboard, Bildergalerien, Hintergrundinfos.
Aufmachung als hochwertige und hübsche Deluxe-Edition 6-Panel-Digipak im Pappschuber, mit Artcard und 36-seitigem Booklet.
Gefällt mir sehr, sehr gut, auch wenn man natürlich auf psychedelischen Kram in exotischen Sprachen stehen muss, um ihn zu genießen.
8,5/10
GAUA (The Night) - 2025
Es handelt sich, wie bereits gesagt, um einen recht aktuellen baskisch-spanischen Spielfilm, den ich als mystischen, märchenhaften Fantasy Horror mit durchaus sehr präsenten sozialkritischen Bezügen beschreiben würde.
Er spielt im frühen 17. Jahrhundert im ländlichen Baskenland, das von patriarchalen Strukturen, einer rigiden klerikalen Knute, der spanischen Inquisition, Aberglaube und Denunziantentum geprägt ist. Kattalin (Yune Nogueiras) heiratet aus Not ihren verkrüppelten, gewalttätigen und übergriffigen Ehemann Pello (Xabi Jabato Lopez). Der Film beginnt damit, dass sie Pello nach etlicher entwürdigender Schikane mit Pilzen zu vergiften versucht und dann vor ihm in den Wald flieht. Dort wird sie von diffusen Schatten und dunklen Gestalten verfolgt, wohl von ihrem Gewissen, bis sie schließlich drei alten, misstrauischen, aber nicht gänzlich unsympathischen Hexen in die Arme läuft, die sie halb seherisch, halb orakelnd durch das führen, was sie angeblich über die letzten Wochen, und über die Ereignisse erfahren haben, die Kattalin in diese Situation und an diesen Ort gebracht haben.
Dabei begegnen wir in vier ineinander übergehenden Episoden der im Sterben liegenden jungen Frau Maritxu, der weder der priesterliche Exorzismus, noch die in letzter Not beschworene Hexenkunst der alten Kräuterfrau Estertxi zu helfen scheint; dem fanatischen, sich selbst kasteienden Dorfpriester Mateo, der Maritxus Schicksal als gerechte Strafe für deren Unzucht mit Kattalin erachtet, die er auf der Jagd im Wald beobachtet hat. Damit erpresst er dann Pello und Kattalin, vor der Inquisition gegen Esterxi auszusagen, und fällt selbst dem Wahnsinn anheim, von Visionen verfolgt. Als die alten Hexen schließlich Kattalin mit ihrem Verrat an ihrer alten Schwester Esterxi konfrontieren, steht sie vor der Wahl, zu ihrem übergriffigen Ehemann zurückzukehren, oder sich einem Hexentribunal zu stellen.
Die Geschichte ist faszinierend und märchenhaft bebildert, wird filmisch in psychedelisch-düstere Farben getaucht, die an "El aquelarre" von Francisco Goya erinnert und verbindet die mittelalterliche und frühneuzeitliche baskische Mythenwelt, insbesondere den Akerbeltz-Mythos um den schwarzen Ziegenbock als von der christlichen Mission dämonisierten Schutzgeist der Natur, mit manifester, sich jedoch nicht vor das Märchen an sich drängender Kritik an patriarchalem und klerikalem Machtmissbrauch, bigotter Dämonisierung und Leibfeindlichkeit der Kirche, den Übergriffen der Inquisition unter Einsatz von Erpressung, Rufmord und Denunziantentum. Weitere Mythengestalten, die eine Rolle spielen sind aus dem Gaueko-Mythos (ein Nachtherrscher, der die braven Menschen nächtens im Haus halten soll), der Inguma-Mythos (eine Nachtmahr-Gestalt), und jener von drei Weibern der Nacht (Las Tres Mujeres de la Noche). Auch das Scheren der Haare nicht gottgefälliger Frauen in den Hexenprozessen unter Inquisitor Pierre de Lancre ist Thema und Motiv.
Die Botschaft ist am Ende, verklingend in einem orgiastischen, psychedelischen Hexensabbat, dass wir uns die Dämonen zu eigen machen mögen, die sie ersonnen haben, um uns zu schrecken und zu knechten, dass wir sie hegen und pflegen sollen, auf dass sie wachsen und gedeihen mögen, damit sie sich am Ende gegen jene wenden mögen, die uns unterdrücken. Es schwingt ein wenig neopaganes Reclaiming mit, und auch ein ordentliches Maß an Feminismus, würde ich sagen. Und ich finde es äußerst faszinierend, den Film in der fremd und irgendwie okkult klingenden baskischen Sprache zu hören (mit Untertiteln). Daneben gibt es auch eine Tonspur in Kastellanischem Spanisch. Untertitel werden ausgeliefert in Baskisch, Kastellanisch, Katalonisch, Galizisch und Englisch (ja, zum Glück auch das).
Toller Film, großartige Bilder, wunderschöne Kostüme (baskischen Trachten des 16./17. Jahrhunderts nachempfunden), eigenwilliger Mythos, unverbrauchtes Setting und Casting, spannende Sprache, schöne Untertöne auf der Metaebene.
Die BluRay-Box enthält den Hauptfilm auf Disc 1 in Farbe und in Schwarz/Weiß. Disc 2 enthält Extras wie Making Of, Storyboard, Bildergalerien, Hintergrundinfos.
Aufmachung als hochwertige und hübsche Deluxe-Edition 6-Panel-Digipak im Pappschuber, mit Artcard und 36-seitigem Booklet.
Gefällt mir sehr, sehr gut, auch wenn man natürlich auf psychedelischen Kram in exotischen Sprachen stehen muss, um ihn zu genießen.
8,5/10
Zuletzt bearbeitet: