Versuche ich es dann auch mal mit meiner Einschätzung des Gesamtschaffens. Eigenartigerweise habe ich dabei den Eindruck, dass die Eindrücke hier doch sehr durch die Reihenfolge des Kennenlernens und Hörens geprägt wurden. Die sah nämlich bei mir so aus: "Once", "Oceanborn", "Angels Fall First", "Wishmaster", "Century Child" und ab da dann eben zur jeweiligen Veröffentlichung. Entsprechend stehen bei mir die beiden erstgenannten aus dieser Zeit auch vorne, während mich vor allem "Wishmaster" vergleichsweise kalt gelassen hat und ich auch "Century Child" eigentlich nicht als "Durchbruch" o.ä. bezeichnen würde.

Na ja, meine Sicht und so.
Angels Fall First: Ein typisches Debütalbum, auf dem viel versucht wird, aber wenig zusammengeht. Einige Sachen sind sogar regelrecht schlimm - ich rede natürlich von Tuomas Holopainens Gesang in "The Carpenter". Die "Lappi"-Instrumentals sind zu verhoben und damit eher verzichtbar. Echte Qualität offenbaren eigentlich nur "Elvenpath" und "Tutenkhamen", den Rest habe ich (außer "The Carpenter" sowie Teilen von "Beauty And The Beast" und "Astral Romance") gar nicht mehr im Ohr.
Oceanborn: Der echte Kracher. Die ersten fünf Songs gehen ohne Ausfälle in einem Rutsch runter, bis "Swanheart" die ganze Sache eher abkühlt, ohne zu langweilen, danach allerdings heben "The Riddler" und "The Pharaoh Sails To Orion" (eigentlich ist das sowas wie Gamma Ray mit anderem Gesang) noch mal auf die Pauke hauen. Die Band hat dabei ihren Stil auf jeden Fall sehr gefestigt, sodass das Album eben recht homogen wirkt und dabei ansonsten aufgrund seiner Struktur doch eine beachtliche Dramatik vorweisen kann. Zugleich wohl bis heute das durchgängig "wildeste" Album der Band, weshalb es in diesem Sinne seinesgleichen sucht.
Wishmaster: Knüpft eigentlich an den Sound von "Oceanborn" an (abgesehen von "Dead Boy's Poem" als erster Beinahe-Orchesterskizze), fällt dabei aber kontrollierter aus, was in diesem Zusammenhang leider auch "sauberer" und "zahmer" bedeutet. Tatsächlich kamen mir beim ersten Hören gerade Stücke wie "She Is My Sin", "Come Cover Me" oder der Titeltrack beinahe klinisch vor. Ein gewisses Moment, das auf "Oceanborn" noch vorherrschend war, ist der Band hier jedenfalls abgegangen. Wirklich überzeugt haben mich eigentlich nur "The Kinslayer" mit seinem Weirdo-Gesang, "Wanderlust" und eben "Deep Silent Complete". Ansonsten bleibt das Album eigentlich nur wegen der bis heute unvergleichlichen "Fishmaster"-Verballhornung in Erinnerung.
Century Child: Hier geht's dann mit gesteigerten Möglichkeiten auf den Gebieten Produktion, Arrangement und auch Gesang wieder voran. Das Ergebnis sind bei gesteigertem Bombast trotzdem ziemlich pfundige Songs, wobei es hier mit dem Eröffnungsdreier aus "Bless The Child", "The End Of All Hope" und "Dead To The World" endlich mal wieder eine "Oceanborn"-artige Abfahrt gibt. "Ever Dream" habe ich danach allerdings nicht im Ohr, "Slaying The Dreamer" haut dagegen wieder ins Mett, wonach die Platte allerdings - gipfelnd im wenig nötigen "The Phantom Of The Opera"-Cover - leider etwas verflacht. Trotzdem: Boden konnte die Band damit auf jeden Fall gutmachen.
Once: Der Trend zu schlüssigen Abfolgen von Songs geht auch hier weiter - hier ist erst "Creek Mary's Blood" die erste Unterbrechung der zuvor so makellosen Abfolge aus Speed-Eröffnung, maschinellem (und herrlich kompromisslosem) Stampfer, Hitsingle und dramatischem Bombastfeuerwerk (wie die Songs heißen, sollten alle Leser dieses Threads ja wissen

). Schlecht macht es allerdings auch die Indianernummer nicht, allerdings nimmt sich dieses Stück für meine Begriffe etwas zuviel Zeit. Danach gibt's mit "The Siren" und folgenden Stücken wiederum einen Anstieg von Song zu Song, wobei ich übrigens komischerweise "Dead Gardens" und "Romanticide" immer schon recht ähnlich gestrickt fand - kleiner Abzug für dieses Detail. "Ghost Love Score" wäre dann nochmals ein gut gestalteter Longtrack, danach gibt's mit zwei Halb- oder Vollballaden einen eher ungewöhnlichen Abschluss (allerdings: "Oceanborn" endete mit "Walking In The Air" und "Sleeping Sun" ja ähnlich). Das Orchester fügt sich hier übrigens für mein Empfinden ganz gut ein - aber vielleicht liegt das auch nur wieder daran, dass sowas damals neu und aufregend war.
Dark Passion Play: Das fand ich dann nach "Once" wiederum anfangs viel zu ambitioniert, und gerade solche groß angelegten Stücke wie - natürlich - "The Poet And The Pendulum", "Sahara" und "7 Days To The Wolves" wirkten mir immer zu effekthascherisch. Es kam mir damals vor, als wären Tuomas Holopainen von der Aussicht, über das ganze Orchester nach Belieben verfügen zu können, komplett die Gäule durchgegangen und die Idee vom einfachen, schlüssigen Song verloren gegangen - umso mehr, als dass gerade durch Kitsch wie "Meadows Of Heaven" oder "Eva" auf der Hand lag, dass Holopainen dazu noch die offenkundige Absicht verfolgte, seine Kindheit zu vertonen. Dieser These steht rückblickend allerdings der Umstand im Raum, dass es dergleichen hier mit Ohrwürmern wie "Bye Bye Beautiful", "Cadence Of Her Last Breath" und vor allem dem Hammer "Master Passion Greed" ja trotzdem gibt und auch die oben noch angekreideten Epen aus heutiger Sicht definitiv Hand und Fuß haben. Trotzdem: Der damalige Nachgeschmack bleibt bei mir irgendwie, und die Anwesenheit von Stücken wie "Eva", "The Islander", "Last Of The Wild" und eben "Meadows Of Heaven" habe ich bis heute nicht verstanden. Ah ja, Anette Olzon macht ihren Job auch ganz gut, wenngleich die Höhen definitiv fehlen. Aber darauf kam's bei Nightwish ehrlich gesagt doch letztmals bei "Passion And The Opera" so richtig an.
Imaginaerum: Das war für mich nach "Dark Passion Play" eine faustdicke Überraschung - wobei ich gestehen muss, dass die Band mich hauptsächlich mit dem herrlich schrägen Dschingis-Khan-Part in "Scaretale" von Anfang an am Haken hatte. Ansonsten auffällig ist vor allem der wieder sehr viel homogenere Charakter der meisten "harten" Stücke - in Sachen Intensität, Tempo und Stimmung gibt es gar keine so großen Unterschiede zwischen "Storytime", "Ghost River", "I Want My Tears Back", "Rest Calm" und "Last Ride Of The Day". Die Ausreißer in Gestalt von "Slow, Love, Slow", "Arabesque" und "Turn Loose The Mermaids" haben dazwischen eine paradoxe Position - auf Alben wie "Once" hätten sie den Fluss gehemmt, hier gehören sie dagegen definitiv dazu und tragen ihren Teil zum Gesamtablauf bei, was bei einem Konzeptalbum nicht ganz verkehrt ist. Das ist so betrachtet natürlich auch ein Fortschritt - ebenso wie die Tatsache, dass das abschließende "Song Of Myself" dann ausgerechnet auch noch diesen Monomanie-Vorwurf an Holopainen recht schlüssig entkräftet. Und es danach mit dem Titeltrack noch ein nettes Orchester-Medley der ganzen Platte gibt. Doch, mir gefällt das noch immer.
Endless Forms Most Beautiful: Komisch. Eigentlich hätte man meinen können, der Einstieg von Floor Jansen hätte die Band irgendwie beflügelt, aber am Ende wiederholt sich hier aus meiner Sicht die Geschichte von "Dark Passion Play" - die Ambitionen führen mal wieder dazu, dass das Album viel zu sauber und kalkuliert wirkt. Das zieht diesmal vor allem die als rockig bis metallisch und eingängig angelegten Songs runter, von denen mich eigentlich nur "Alpenglow" überzeugen kann ("My Walden" wäre ebenfalls noch ein gewisses
guitly pleasure von mir), während der Rest mich überraschend kalt lässt - das gilt ausgerechnet für offenkundig als hart und konfrontativ angelegte Stücke wie "Weak Fantasy" und "Yours Is An Empty Hope". Komischerweise finde ich dagegen diesmal ausgerechnet die Balladen gelungen (gut, das ist ja nur "Our Decades In The Sun"), ebenso natürlich das mich seit jeher an Bathorys "Oden's Ride Over Nordland" erinnernde "The Eyes Of Sharbat Gula", und "The Greatest Show On Earth" fängt zumindest stark an - diese Tierfilm-Soundcollage in der zweiten Hälfte ist aber reichlich unnötig. In Summe also für mich ein unbefriedigendes Album.
Human. :||: Nature.: ...und auch hier ist es dann das zweite Album mit Sängerin X, das wieder mal alles besser macht - wirklich eine frappierende Parallele in der Bandgeschichte. Wie bei "Imaginaerum" fällt auch diesmal auf, dass sich die guten Songs alle irgendwie ähneln, was hier dem Album aber wiederum nicht abträglich ist. Interessanter ist diesmal, dass sich die Band die großen Orchesterpassagen tatsächlich für "All The Works Of Nature Which Adorn The World" aufgespart hat, während CD 1 dagegen wiederum etwas "reduzierter" (bei Nightwish sind die Gänsefüßchen um diese Vokabel wirklich angebracht) daherkommt. Nette Zugabe sind die immer wieder verstreuten Elektronik-Einsprengsel, die gerade den Einstieg von "Music" wirklich traumhaft geraten lassen (das erinnert mich an "Take A Bow" von Muse), und die thematische Konzentration dadurch, dass eben dieses CD-2-Monstrum tatsächlich auf Material basiert, das in den Songs auf CD 1 vorbereitet wurde. Das Finale mit der "Pale Blue Dot"-Rezitation und dem abschließenden Galopp ist dann ebenfalls noch so ein höchst memorabler Schlag in die Magengrube des Weltgewissens. Von solchen Eckpunkten zehrt meine Rezeption dieses Albums schon, das muss ich zugeben. Aber wenn das Dazwischen bloß Leerlauf wäre, würde es sicher nicht funktionieren. Ach ja, und ich finde auch Sachen wie "Harvest" in Ordnung.
