Um das Wochenende direkt mit dem nötigen Nervenkitzel einzuläuten, hab ich einfach mal mein Festival-Ticket im Zug vergessen und ohne mich weiter in Richtung Hamburg fahren lassen. Da kam schon richtig Freude auf, als mir das kurz nach Verlassen des Bahnhofs aufgefallen ist. Dass ich trotzdem keine 70 Euro Lehrgeld zahlen musste, verdanke ich Kulanz-Göttin Anja, der ich an dieser Stelle noch mal ein 10 Meter großes DANKE in flammenden Lettern errichten möchte.
Zu den Bands:
The Temple
Recht guter Klage-Doom mit nicht immer tollem Gesang. Kein Knaller, aber ein ordentlicher Auftakt ins Wochenende.
Witchwood
Bin mir nicht sicher, ob ich das so richtig erklären kann, aber die haben mich irgendwie total irritiert. Kannte die Band nicht wirklich und hatte eher sowas in Richtung Blood Ceremony erwartet. Stattdessen viele Leute auf der Bühne und ausladender Classic Rock mit Deep-Purple-Anleihen (und hauptberuflichem Querflötisten, wodurch dann natürlich auch Jethro-Tull-Assoziationen aufkamen). War schon erstaunt, dass so eine Band direkt mit einem derart langen Song einsteigt und war dann noch erstaunter, dass sie bei einem Festival-Gig direkt als zweiten Song eine Cover-Version auspacken. Dass sie sich dafür den 11/10-BÖC-Track "Flaming Telepaths" ausgesucht haben, hätte mich eigentlich in Ekstase versetzen können, aber ich war eher verdattert und konnte das alles nicht so ganz greifen. Insgesamt schon ein cooler Auftritt (gerade den Schluss-Part des letzten Songs fand ich richtig klasse), aber ich weiß immer noch nicht so recht, was ich von der Band halten soll.
Procession
Hier muss ich zunächst widerwillig zu Protokoll geben, dass mich das neue Album bislang leider nicht so packt wie das ältere Material. Ich hoffe, das wird noch, aber auch live fand ich die älteren Songs einfach mächtiger. In Sachen Performance gibt's aber nix zu meckern, das wurde alles schon sehr energisch dargeboten, und spätestens bei dem "Reap"-Titelsong hab ich auch begeistert mitgefeiert. War schon ein richtig guter Auftritt, aber das letzte mal, als die Band beim HoD aufgetreten ist (da war der Typ von Dead Congregation dabei), hat's mich doch noch deutlich härter gekickt.
Lucifer's Friend
Alles, was
@Dr. Zoid etwas weiter oben zu dem Auftritt geschrieben hat, kann ich exakt so für mich unterschreiben. Hinzufügen will ich nur, dass mir überraschenderweise die neueste (?) Nummer "Demolition Man" neben den Debüt-Songs am besten gefallen hat; dieser flotter Rocker mit den prägnanten Keyboards hat mir total viel Spaß bereitet.
Warning
Es war wirklich sehr schön, diese Songs mal live erleben zu können. Trotzdem bin ich statt eigentlich angemessenem Emo-Modus immer mal wieder ins Überlegen gekommen, ob Patrick Walker nicht eigentlich noch viel lieber sein neueres Material unter dem aktuellen Bandnamen präsentieren würde - es wird ja seinen Grund haben, dass er das Kapitel Warning vor einigen Jahren abgeschlossen hatte, und gerade bei derart intimer, persönlicher Musik stelle ich's mir irgendwie komisch vor, so eine "Wir spielen unser beliebtestes Album am Stück"-Tour durchzuziehen. Sowas ging mir halt durch den Kopf, was aber keineswegs heißen soll, dass der Auftritt irgendwie lustlos oder 'unehrlich' wirkte. Wie gesagt: Es war sehr schön, diese Songs mal live erleben zu können. Würde Herrn Walker beim nächsten mal aber tatsächlich lieber in einem Club mit Songs von 40 Watt Sun sehen.
Am Samstag dann Cranial ausgelassen und von Below (zum Glück

) auch nur den letzten Song mitbekommen.
Naevus
Ein feiner Start in den zweiten Tag. War jetzt nicht die Art Auftritt, die man als "kompletten Abriss" bezeichnen würde, aber die Songs von der "Heavy Burden" sind einfach klasse (das Debüt kenne ich nicht) und kamen live noch etwas wuchtiger rüber. Prima!
Crippled Black Phoenix
Hab vor Jahren mal die "I, Vigilante"-EP angecheckt, wusste aber eigentlich nicht, was mich erwarten würde. Insgesamt war's für mich ein Wechselbad zwischen erstaunlichen Höhen (den ersten Song fand ich so klasse, dass ich schon gehofft hatte, der würde vielleicht den gesamten Gig einnehmen) und leichten Tiefen (die längeren ruhigen Parts fand ich dann teils doch gepflegt langweilig). Bin aber definitiv froh über die Verpflichtung der Band - besser spannende Non-Metal-Bands als unpassende Metal-Acts (hallo, Samael).
The Doomsday Kingdom
Kenne das Album nicht, hatte dann aber durchaus Freude an den erwartungsgemäß prächtigen Riffs und hochklassigem Songwriting. Verzichtet hätte ich allerdings gerne auf das viel zu häufige Gitarren-Gegniedel und die viel zu angestrengt auf Publikums-Animation angelegten Ansagen.
Count Raven
Find die Band tatsächlich 'nur' ziemlich gut, was auch auf den Gig zutrifft. Der neue Song klang vielversprechend, "Jen" als Abschluss war natürlich klasse. Mehr fällt mir dazu offenbar nicht ein.
Pagan Altar
Mein absoluter Prio-1-Auftritt des Wochenendes. Nicht nur, dass ich endlich mal diese unfassbaren Songs live erleben wollte, sondern auch meinem Bühnen-Erstkontakt mit Brendan Radigan (der seit dem Magic-Circle-Debüt absoluten Gott-Sänger-Status bei mir inne hat) habe ich entgegen gefiebert. Die Hoffnungen und Erwartungen waren turmhoch und wurden mühelos (!) erreicht, wenn nicht gar übertroffen. Es war einfach ALLES sooo geil: Radigan hat die Songs nicht nur hervorragend gesungen (nicht sehr weit weg von den Original-Vocals, aber auch nicht angestrengt 'nachgemacht' klingend), sondern sich auch als fabelhafter Frontmann erwiesen, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu stellen, was natürlich unangemessen gewesen wäre.
Mr. Jones Junior war blendend gelaunt, die anderen drei Bandmitglieder sichtlich motiviert bis in die Haarspitzen, die Songs ("Judgement of the Dead"!!!) natürlich eh unantastbar (wobei es mit "Highway Cavalier" sogar eine Überraschung gab, mit der zumindest ich nicht gerechnet hätte) - ach, was könnte ich noch alles schreiben... Ganz eindeutig der absolute Höhepunkt des Festivals - andere Meinungen kann ich tolerieren, aber nicht akzeptieren.

Die Nachricht, dass es weitere Gigs geben wird, erfreut mich entsprechend sehr, wobei ich es aber eher unpassend fände, wenn die aktuelle Besetzung neue Songs schreiben würde - außerdem soll Herr Radigan ja auch noch mal mit Stone Dagger zu Potte kommen.
Cirith Ungol
Klasse Auftritt, würdiger Headliner, Tim Baker (oder zumindest seine Stimme) ist ein absolutes Monster. Dummerweise war bei mir aber komplett die Luft raus, so dass ich immer weiter nach hinten gewandert bin und dann schließlich nach dem "One Foot in Hell"-Block die Biege gemacht habe. Hätte den Gig gerne so abgefeiert, wie er's verdient hätte, aber das ging einfach nicht mehr.
Insgesamt wieder mal ein tolles Wochenende mit super Menschen auf und vor der Bühne - fühlt Euch gegrüßt, wenn ich mit Euch Zeit verbracht habe!
