MINSTRELS: Wir ermitteln unsere JETHRO TULL Top25!!

"Aqualung" war für meine Liste nicht in der engeren Auswahl. Der packt mich irgendwie nicht wirklich, was in erster Linie wohl am Gesang liegt (Ian Anderson hat viel griffigere Melodien geschrieben, und seine Stimme ist hier auch nicht so perfekt, bißl hoch, "gepreßt" ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck, geht aber in die Richtung). Das Gitarrensolo ist hingegen absolute Sahne, und wenn "Aqualung" in (späteren) Konzertmitschnitten auftaucht, ist das auch okay.
Interessant finde ich die alternative Version von "The Beacons Bottom Tapes" aus der '93er "25th Anniversary"-Zigarrenkiste. Da ist Andersons Stimme zwar schon hörbar hinüber, aber der Gitarrensound ist ähnlich geil wie auf "Crest Of A Knave":

 
Ein Kracher vor dem Herrn!
Nicht nur musikalisch - zur heaviness hat wieder @Erdbär so gut wie alles gesagt - sondern auch textlich, was das Vegetieren der weniger Glücklichen in einem Moloch wie London bedeutet.
Unser Englischlehrer hat nicht nur die Klassiker wie Lord of the Flies oder Macbeth mit uns durchexerziert, sondern wir durften auch Vorschläge einbringen und so kam es dazu, daß eines schönen Halbjahrs sowohl "Shine on..." von Floyd als eben jenes "Aqualung" in ihre Einzelteile zerlegt und interpretiert wurden.
Für 17- bis 18jährige in einer eher ländlichen Kleinstadt durchaus eine fremde Welt, deren sozialkritische Implikationen wir in Ermangelung öffentlichen Elends damals kaum nachvollziehen konnten. Mittlerweile umso mehr.
Was den Pädophilie-Bezug betrifft: damals dräute das www-Empörium noch nicht mal ansatzweise am Horizont, war also überhaupt kein Thema.
Ian Anderson hat sich übrigens anläßlich des 40jährigen Jubiläums der Platte ein bißchen über die autobiographischen Spekulationen lustig gemacht:

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Ich liebe diesen Song und daher hat er es auf meiner Liste auch Platz 3 geschafft. Inhaltlich wurde hier schon alles gesagt. Daher möchte ich die Anekdote beisteuern, die meinen Versuch beschreibt, die Akkorde herauszuhören um das Lied zu covern. Da ich nicht der beste "Heraushörer" bin, habe ich erstmal die gängigen Rock-Tonarten ausprobiert. Da klang aber nix nach Aqualung. Es hat etliche Versuche gebraucht, bis ich herausfand, dass das Grundriff auf einem G-Moll Akkord mit prominent gespieltem Tritonus basiert. Auf so was "Schräges" muss man erstmal kommen... Auch direkt nach einem C-Dur direkt einen C-Moll einzubauen (in der Akustik Passage) zeugt von hohem harmonischen Einfallsreichtum. Aber am Ende bleibt, dass trotz dieser musikalischen "Schweinereien" der Song immer im Fluss bleibt und nie zerstückelt oder aufgesetzt wird. In meiner Welt hat er sich den Titel "Meisterwerk" redlich verdient!
 
Wie sehr, wie tief, wie intensiv muss man sich seiner Kunst verschrieben haben, um mit Anfang 20 solche Song zu schreiben?! Natürlich war die "Benefit" und die Sachen davor auch großartig, aber auf eine andere Weise. Auf "Aqualung" höre ich eine Band, die deutlich älter klingt, als sie es ist. Reifer, intelligenter, einfach in allen Belangen mitreißender. Und der Titeltrack gibt Zeugnis davon. Meine Vier.
 
Meine Nummer 1 als Song. (Wie ich schon geschrieben habe, zähle ich TAAB und APP nicht als Song, muss aber jeder für sich entscheiden.) Zur Musik ist ja hier schon alles relevantes gesagt worden, es ist natürlich auch ihr bestes Stück ohne Flöte und das Signature Solo von Martin Barre, der leider einer einer unterschätztesten Gitarristen ist und nie in einer Bestenliste von Gitarristen auftaucht. Als Beispiel führe ich einmal den Rolling Stone an, in deren Top 100 tummeln sich z.B. Bruce Springsteen, James Hetfield, Joni Mitchell, Willie Nelson, Johnny Ramone und Keith Richards (Platz 4, hüstel) sowie gnädigerweise Ritchie Blackmore auf Platz 50, aber natürlich kein Martin Barre.
 
Meine Nummer 1 als Song. (Wie ich schon geschrieben habe, zähle ich TAAB und APP nicht als Song, muss aber jeder für sich entscheiden.) Zur Musik ist ja hier schon alles relevantes gesagt worden, es ist natürlich auch ihr bestes Stück ohne Flöte und das Signature Solo von Martin Barre, der leider einer einer unterschätztesten Gitarristen ist und nie in einer Bestenliste von Gitarristen auftaucht. Als Beispiel führe ich einmal den Rolling Stone an, in deren Top 100 tummeln sich z.B. Bruce Springsteen, James Hetfield, Joni Mitchell, Willie Nelson, Johnny Ramone und Keith Richards (Platz 4, hüstel) sowie gnädigerweise Ritchie Blackmore auf Platz 50, aber natürlich kein Martin Barre.


Bestenlisten des Rolling Stone sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt werden. Zeit- und Energieverschwendung.

Selbst Brian May, Mark Knopfler, Joe Satriani, Joe Bonamassa und Steve Vai bezeichnen Martin Barre als einen ihrer größten musikalischen Vorbilder
 
Tja, da entgeht mir ja mal in Abwesenheit fast das Finale, aber ich versuch's kurz zu machen. Kurios übrigens, dass wir hiermit dann vier (und wohl bald fünf...) Titelsongs in einer Reihe haben. Das gab's bei Maiden nicht, wa?

Minstrel In The Gallery: Knapp gescheitert auf Platz 24. Die "Problematik", die dieses Album bei mir hat, hatte ich ja schon bei "Baker St. Muse" beschrieben, aber dieser Song ist natürlich zugänglicher und ausgewogener, wodurch eigentlich alle Aspekte - die Hymnik des Anfangs, die Power des galoppierenden Mittelteils und die Eingängigkeit des Schlussteils - gut zum Zug kommen. Die Dramatik von Stücken wie "Cold Wind To Valhalla", "Hunting Girl", "My God" oder fehlt mir hier aber, irgendwie ist die Stimmung des Stücks fast durchgängig unverändert und einseitig.

Songs From The Wood: Steht bei mir auf der 7. Ist eigentlich nicht so viel anders ausgerichtet als "Minstrel...", aber um einiges kleinteiliger, wendungsreicher, dynamischer und detaillierter arrangiert - ein Treffer von Anfang bis Ende. Dass es mehr oder weniger dieser Song und "Hunting Girl" waren, die mich zum Fan gemacht haben, dürfte aus meinen früheren Ausführungen wohl hervorgegangen sein. Und vielleicht spielt hier auch mit rein, dass diese Verspieltheit gut an meine damalige (und natürlich auch heute noch bestehende) Begeisterung für Gentle Giant anknüpfen konnte. :)

Heavy Horses: Meine Nummer 4. Kurioserweise als Titelsong fast das genaue Gegenstück zu seinem Vorgänger - es ist von Anfang an sehr flüssig und wie aus einem Guss komponiert, geht dabei aber dennoch keine simplen Wege. Die anfangs schon mit Flöte vorgestellte Refrainmelodie ist einfach nur zum Dahinschmelzen schön, und die nur mit Strophe beginnende Strophe fügt sich da nahtlos an. Auch der filigrane Galopp in der Mitte ("Standing like tanks on the brow of the hill") kickt das Ganze zusätzlich, und zu den Streicherarrangements von Dee Palmer wird wohl auch niemandem hier je im Traum einfallen, dazu "Kitsch!" zu rufen (anders als noch beim "Too Old To Rock 'N' Roll"-Titeltrack, gell?). Ja, sowas von toll.

Aqualung: War tatsächlich der erste Song der Band, den ich überhaupt gehört habe, aber über Platz 82 ist der halt nicht hinausgekommen. Das schleppende Hauptriff zieht sich zu sehr, und dass sich die Gesangsmelodie einfach daran entlanghangelt, ist auch nicht gerade elegant - das ist ein bisschen wie bei "Iron Man" von Black Sabbath. Der B-Part mit diesem Dee-Dee-Dee-Dee ist dann auch etwas zu wehleidig geraten - aber diese Manier zu singen scheint sich Anderson danach auch abgewöhnt zu haben. Bemerkenswert finde ich heute eigentlich nur noch, dass der Instrumentalpart danach später von Blue Öyster Cult zwar auf anderen Instrumenten, aber melodisch fast 1:1 in "Astronomy" übernommen wurde - für den dortigen B-Part ("Four winds at the four winds bar...") und das folgende Solo.

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Und was jetzt noch kommt? Tja, die Spatzen pfeifen es wohl schon von den Dächern. Insofern wäre es wohl schon sehr scheinheilig, wenn ich hier "Lasse ich mich mal überraschen..." schriebe. Na ja, vielleicht hatja tatsächlich "European Legacy" das Rennen gemacht, oder zumindest "From A Dead Beat To An Old Greaser". ;)
 
Aqualung: War tatsächlich der erste Song der Band, den ich überhaupt gehört habe, aber über Platz 82 ist der halt nicht hinausgekommen. Das schleppende Hauptriff zieht sich zu sehr, und dass sich die Gesangsmelodie einfach daran entlanghangelt, ist auch nicht gerade elegant - das ist ein bisschen wie bei "Iron Man" von Black Sabbath. Der B-Part mit diesem Dee-Dee-Dee-Dee ist dann auch etwas zu wehleidig geraten - aber diese Manier zu singen scheint sich Anderson danach auch abgewöhnt zu haben. Bemerkenswert finde ich heute eigentlich nur noch, dass der Instrumentalpart danach später von Blue Öyster Cult zwar auf anderen Instrumenten, aber melodisch fast 1:1 in "Astronomy" übernommen wurde - für den dortigen B-Part ("Four winds at the four winds bar...") und das folgende Solo.
Komm, Platz 82 ist so schlecht nicht. Da sind doch nur die 81 Songs von Under wraps davor :):)
 
"Aqualung" war für meine Liste nicht in der engeren Auswahl. Der packt mich irgendwie nicht wirklich, was in erster Linie wohl am Gesang liegt (Ian Anderson hat viel griffigere Melodien geschrieben...)
Der Song soll doch gar nicht griffig sein und der Gesang auch nicht. Dieser Song bzw der Gesang pendelt zwischen Verzweiflung/Wut/Hass, tiefer Melancholie und Euphorie. Und das ist alles genau so gewollt, diese Sperrigkeit. Gewünschter Effekt des "Künstlers": Langlebigkeit. Manche nennen es auch Progressive Rock :jubel:
 
Wie sehr, wie tief, wie intensiv muss man sich seiner Kunst verschrieben haben, um mit Anfang 20 solche Song zu schreiben?! Natürlich war die "Benefit" und die Sachen davor auch großartig, aber auf eine andere Weise. Auf "Aqualung" höre ich eine Band, die deutlich älter klingt, als sie es ist. Reifer, intelligenter, einfach in allen Belangen mitreißender. Und der Titeltrack gibt Zeugnis davon. Meine Vier.
Sehr schön, genau das denke ich auch. Die waren quasi noch blutjung und hauen so einen wahnsinnig erwachsenen, genreübergreifenden (!) und für andere Künstler (nicht nur Musiker, geht darüber hinaus!) prägenden Klassiker raus. Sensationell.
 
Songs From The Wood: Steht bei mir auf der 7. Ist eigentlich nicht so viel anders ausgerichtet als "Minstrel...", aber um einiges kleinteiliger, wendungsreicher, dynamischer und detaillierter arrangiert - ein Treffer von Anfang bis Ende. Dass es mehr oder weniger dieser Song und "Hunting Girl" waren, die mich zum Fan gemacht haben, dürfte aus meinen früheren Ausführungen wohl hervorgegangen sein. Und vielleicht spielt hier auch mit rein, dass diese Verspieltheit gut an meine damalige (und natürlich auch heute noch bestehende) Begeisterung für Gentle Giant anknüpfen konnte. :)
Die Sprung von Songs From The Wood zu Gentle Giant ist tatsächlich ein kleiner.
War mir bisher nicht so richtig bewusst, aber ja das passt sehr gut.

Was Aqualung angeht bin ich mal wieder zu spät und es wurde mal wieder alles gesagt.
Perfekter Song, meine 3 und besser geht es einfach nicht. Und auch hier ist Barre wieder der Star der Show. Das Riff? Das Solo?
Meine Güte ey! Je mehr ich die letzten Wochen darüber nachdenke desto klarer wird mir, dass er wohl mein lieblings Gitarrist ist.

Wie sehr, wie tief, wie intensiv muss man sich seiner Kunst verschrieben haben, um mit Anfang 20 solche Song zu schreiben?! Natürlich war die "Benefit" und die Sachen davor auch großartig, aber auf eine andere Weise. Auf "Aqualung" höre ich eine Band, die deutlich älter klingt, als sie es ist. Reifer, intelligenter, einfach in allen Belangen mitreißender. Und der Titeltrack gibt Zeugnis davon. Meine Vier.
Geht mir auch so.
Als ich das Album vor 20 (?) Jahren zum ersten mal gehört hab war mir direkt klar, dass müssen alte Säcke aufgenommen haben :D
Auch wenn ich es heute besser weiß bekomm ich das Bild nicht aus dem Kopf. Das geht mir bei JT aber insgesamt so. Für mich klingen die auf jedem Album alt oder besser reif.


Damit ist der verdiente erste Platz dann auch klar.
Die Top 2 waren für mich eh gesetzt nur bei der Reihenfolge war ich mir nicht sicher
 
Da war doch was im Breakfast Tea Anfang der Siebziger :).... JT waren auch nicht die Einzigsten, die in ihren frühen 20ern ihre fantasievollste und produktivste Phase hatten ~ ich sag' nur Genesis mit einem ähnlich genialen front man.
 
Heavy Horses:
Ein wundervoll erhabener Song, der alle Vorzüge dieser wunderbaren Band vereint. Mein Platz 2.

Damit ist klar, dass ich wohl 13 Treffer haben werde. Dass mein Platz 4 nicht drin sein würde, war mir klar, weil der erstens von einem gern übersehenen Album stammt (vermeintlich zu "neu") und zweitens, weil ich mit diesem Song textlich sehr viel verbinde.
 
Aqualung ist mein Rang 5. War natürlich ebenfalls blind gesetzt, weil einfach so tief ergreifend, dass ich den nicht ohne Beruhigungs-Himbeer-Metadon hören kann.
 
Was sonst?! :top:. Auch meine Nummer 1.

1. Thick As A Brick
2. Minstrel In The Gallery
3. A Passion Play

4. Upper Sixth Loan Sharp/... (TAAB 2)
5. Locomotive Breath
6. Hunting Girl
7. Aqualung

8. Love Story
9. No Lullaby
10. To Cry You A Song Jetzt : Songs From The Wood ;)
11. Cold Wind To Valhalla
12. Crossed-eyed Mary
13. Baker Street Muse

14. ... And The Mouse Police Never Sleeps
15. Black Sunday
16. Orion
17. Clasp

18. The Whistler
19. Living In The Past
20. Broadsword

DANKE @Pavlos und allen anderen hier. Hat viel Spaß gemacht.
 
Zuletzt bearbeitet:
Wahrscheinlich wird auch das überraschen, aber bei mir ist das Stück nur deshalb noch in die Top 25 gerutscht , weil beide Teile von "A Passion Play" zusammengezogen wurden. Hinter letzterem steht es für mich dann mehr oder weniger deutlich zurück angesichts etwas kruderer musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten einschließlich der dominierenden Instrumentierung aus Gitarre, Orgel, Klavier, Bass und Querflöte, und auch den Gesang variiert Anderson hier nicht so sehr wie ein Jahr darauf, auch wenn der Text (oder überhaupt das ganze Konzept - über den vollen Sermon von St. Cleve's Chronicle kann ich mich ohne Ende beömmeln) natürlich allererste Sahne ist. Aber, wie gesagt: Hier meckere ich auf sehr hohem Niveau und speziell der etwas folkigere dritte Abschnitt des ersten Teils ("The Poet And The Painter") ist wirklich dufte. :)

Übrigens ist mir im Direktvergleich noch aufgefallen: Der Text von "Thick As A Brick" ist eher eine Art Essay mit der Diskussion und Entwicklung verschiedener Gedanken, während der von "A Passion Play" tatsächlich eine durchgehende Handlung erzählt. Auch das markiert wohl den Unterschied zwischen den beiden Alben.



So, und zum Abschluss: Weil's langweilig wäre, hier meine komplette Top 25 herunterzurattern, hier mal die Stücke, die es nicht in den hiesigen Konsens geschafft haben:

02. Queen And Country
03. Weathercock
07. North Sea Oil
11. Heat
13. European Legacy
14. Flying Dutchman
17. From A Dead Beat To An Old Greaser
18. Nobody's Car
19. Beastie
20. Automotive Engineering
21. Fylingdale Flyer
22. Pussy Willow
23. Moths
 
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