Obwohl dieses Magazin und dieses Forum kaum mehr Motörhead-Einfluss haben könnte, geht ja "Bad Magic" in Sachen Feedback gegenüber "The Book of Souls" doch ein wenig unter, was?
Was soll ich sagen? Nun, warum die Band offenbar deutlich weniger Diskussionspotential birgt als andere ähnlich bedeutsame Vertreter des Genres, liegt ja auf der Hand. Von Motörhead ist man einerseits doch relativ konstante Qualität gewohnt, und es gibt tatsächlich wenige Leute die prinzipiell auf die Band stehen, gleichzeitig aber von einem der letzten Alben massiv enttäuscht oder auch massiv positiv überrascht gewesen wären. Man weiß halt was man hat, wenn eine neue Motörhead kommt, und das soll keineswegs bedeuten, dass die Truppe immer nach Schema F vorginge oder ihr eigenes Erfolgsrezept uninspiriert kopieren würde, denn ich finde jede Scheibe der Band bei aller stiltreue und Verlässlichkeit spannend und abwechslungsreich. So hat auch "Bad Magic" wieder jede Menge Pfeffer im Hintern, einen relativ düsteren, warmen und drückenden Sound, wie man ihn sich besser kaum malen könnte, und die Geschwindigkeit ist im Mittel ziemlich hoch. Schon der gesprochene Auftakt zu 'Victory Or Die' mit dem direkt darauf einsetzenden Riff hämmert dir den Atlas in die Hirnschale, und es ist direkt und unmissverständlich klar, dass auch die Nummer 23 dem geneigten Fan nichts, aber auch mal genau gar nichts zu wünschen übrig lässt. Wo man bei anderen Bands drei Durchläufe braucht und dann noch immer grübelt, ob das mit dem Ding wohl noch etwas wird, da braucht das britische Urgestein noch nicht einmal einen Takt, um den Motörheadbanger nach Hause zu holen und rundum zu versorgen.
Lemmys Bass fährt beim rasanten 'Thunder & Lightning' wie eine Sense über die Wiese und dazu schüttelt sich der Waliser Phil ein Funken stiebendes Riff nach dem anderen aus dem Handgelenk. Mit 'Storm Hotel' hält ein wenig gepflegter Heavy Boogie Einzug, der Mikkey Dee alle Freiräume lässt, seinen brachialen Groove und unbarmherzigen Punch zu zelebrieren. Doch natürlich gibt es auch die dunkleren, getrageneren Stücke, wie etwa das tief unter die Haut gehende 'Till The End' oder das fiese, dynamische 'Tell Me Who To Kill' und das orgasmatronische 'Choking On Your Screams'. Auf dem Album geht so ziemlich jeder Song direkt ins Genick und lässt mich gerade selbst im Liegen headbangen, während ich bäuchlings auf dem Sofa liege und diese Zeilen in den Laptop tippe (wenn das mal keine Langzeitschäden an der Wirbelsäule gibt). Wie so oft fesseln mich die boshaften, traurigen und finsteren Stücke im MOTÖRHEAD-Universum am meisten, doch auch wenn die Band einfach voll drauflos hämmert, wie im knackigen 'Electricity' (erinnert mich an meinen All-Time-Fave 'No Voices In The Sky'), oder im perkussionslastigen 'Evil Eye', passt das alles perfekt. Dazu dann ein "Bomber"-affines 'Teach Them How To Bleed', zu dem man die Spitfire quasi abheben fühlt; und wenn es zu guter Letzt eine Band gibt, die ihr Album mit einem ROLLING STONES-Cover beenden darf, dann doch MOTÖRHEAD mit 'Sympathy For The Devil', oder nicht?
Eben! Daher kann das Fazit nur lauten, dass MOTÖRHEAD zum 23. Mal in Folge ein Album in den Orbit gewuchtet hat, das all das bietet, was man als Fan der Band seit Ewigkeiten liebt und schätzt: Einen Lemmy der trotz angeschlagener Gesundheit in der Reibeisenliga noch immer einer der besten, intensivsten, garstigsten und doch gefühlvollsten und ergreifendsten Sänger aller Zeiten ist; einen wunderbar intensiven Sound mit Faustfaktor 100% und richtig tollen Instrumentalisten, die viel zu oft nur als Lemmys Mitmusiker abgehakt werden, ohne dass man sich ihre wahre Brillanz mal richtig bewusst macht; ach ja, und noch eins gibt's zu sagen: Die knappe Dreiviertelstunde, die die Band ihren 13 neuen Songs gegönnt hat, ist so irre schnell vorbei, dass der Finger reflexartig wieder zur Play-Taste zuckt, und das meistens nicht nur einmal. Wenn Kurzweil heuer noch ein Synonym benötigt, dann lautet das wohl "Bad Magic".
Wertung: 9/10