Prodigal Son blickt in sein Plattenregal - ein Reviewthread

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Survivor - Caught In The Game (1983, Scotti Bros.)

AOR mochte ich schon immer sehr, ganz vorne waren von Anfang an und sind immer noch Foreigner, in den 80ern waren u.a. auch Night Ranger und Triumph meine Favoriten, Journey kamen etwas später hinzu und Survivor?
Klar, die beiden Rocky-Songs kannte man, um 1990 rum landete eine Best Of-CD im Regal und das war‘s.

Erst in den Corona-Jahren, kurz bevor der hiesige Second-Händler preistechnisch total durchgedreht ist, habe ich mir mal alle 7 80er Alben für je 7-10€ auf Vinyl besorgt und schnell war klar: Jamison > Bickler, gar nicht unbedingt stimmlich, aber doch albentechnisch.

Dabei ist dann bei mir Caught In The Game komplett untergegangen und was war das für ein Fehler! Soundtechnisch (vor allem der Gitarrensound) näher am kurz darauf erschienenen Bon Jovi-Debüt als an allen anderen Survivor-Alben, wirkt das ganze Album wie aus einem Guss und nicht so sehr wie Füllmaterial für einen Filmsong (der Vorgänger) und auch nicht so für den US-Mainstream gemacht wie die beiden (trotzdem großartigen) Nachfolger. Konsequenterweise gibt es dann auch keine Single-Hits, dafür fast nur starke Songs, egal ob die rockigeren Caught In The Game oder Slander, die trocken produzierte Piano-Ballade I Never Stopped Loving You und vor allem die beiden Blaupausen für die gesamte Karriere von The Night Flight Orchestra: Santa Ana Winds und Half-Life. Das sitzt alles wie angegossen und ist mindestens mal eine 9/10.

Hier ist mir doch tatsächlich eine noch nicht wirklich entdeckte Perle aus dem Regal auf den Teller gefallen. Ich bin absolut begeistert. Trotzdem auch noch stark und ebenso hörenswert: die drei Jamison-Alben, allen voran Too Hot To Sleep.

Deine Einschätzung kann ich voll und ganz teilen. Insbesondere deinem Bon Jovi Vergleich stimme ich total zu. Genau deswegen liebe ich wohl Caught in the Game - Es klingt als würde Sambora die Gitarre bearbeiten.

Ich finde allerdings den Vorgänger fast gleichwertig. Füllmaterial höre ich da wenig, insbesondere Children of the Night und The One that really matters sind brutal stark.

Kleiner Hinweis für uns Nerds: Ich bin immer noch der Meinung, dass Ghost sich die Klaviermelodie von Jackie don‘t Go für ihr Spillways ,,ausgeliehen‘‘ haben.

Off Topic: Mit dem Second Hand Händler meinst du diesen arroganten, geldgeilen Sack vom Rosenheimer Platz?
 
Eigentlich wollte ich noch etwas warten, aber vorhin fiel mir aus dem Regal noch ein Album entgegen, von dessen Besitz ich schon gar nicht mehr wusste und zwar seit kurz nach dem Erwerb, also ein Muß für diesen Thread:



Thulcandra - A Dying Wish (2021, Napalm Records)

Nach ein paar Minuten Nachdenken fiel es mir dann ein: ich war Ende 2021 auf der Album Release Show im Rocket Club in Landshut, inmitten der Pandemie zwar mit strengen Einlassregeln und -kontrollen, aber oben ging es dann recht dampfig zu. Das Motto des Abends: zwei Bands spielen möglichst exakt ihre Vorbilder nach, die ja mit Dissection und Mgla (Groza) nicht die Schlechtesten sind. Hat dann auch unheimlich Spaß gemacht, viel gab es aber auch im Winter 21/22 nicht. Da ist dann wohl auch das damals aktuelle Album in meinen Besitz gewandert, wurde zuhause einmal gehört und dann vergessen.

Jetzt also wieder aufgelegt und natürlich ist das nicht schlecht, vor allem technisch nicht, Steffen Kummerer ist ja auch ein fähiger Musiker, wie er noch mehr mit Obscura zeigt. Auch was da gespielt wird gefällt, klingt ja 1:1 wie Dissection. Nur sind die Songs nicht so zwingend und im stilistischen Umfeld von Dissection gibt es mit Necrophobic, Thron, The Spirit und einigen mehr doch viele Bands, die sich deutlich mehr von den Vorbildern absetzen und eine eigenständige Entwicklung vollziehen…und die viel zwingenderen Songideen haben.

So bleibt ein Eindruck zurück wie bei einem 08/15-Schnitzel: bin satt geworden, kein Grund zur Beschwerde, aber hängen bleibt da nix - 7/10.

Sollte das jetzt jemand ganz anders sehen, Thulcandra Fanboy sein und genau diese LP suchen, kann er mich gerne per PN anschreiben (schwarzes Vinyl, VG+, jetzt 2x abgespielt).
 
Und gestern lief wegen deinem Review das Lizzy Borden Debut. Das ist genau mein Ding, ich muss die wirklich öfters hören.
 
Ah meine letzte Thulcrandra (fand die neueste nicht mehr gut). Die machen das schon ordentlich, haben aber den Fehler gemacht direkt auf ihrem Debut auch noch nen Dissectionsong zu covern, der halt denen selbst zeigt, wo der Ziegenbock die Hörner hat. Letztlich ein gutes Methadon was ich immer mal wieder gerne höre ohne ganz der Klassiker zu sein. Dafür sind deren Coverartwork gut!
 


Metallica - Metallica (1991, Elektra/Vertigo)

Hä? Was hat denn „die Schwarze“ in dem Thread zu suchen? Irgendwie schon so einiges, vor allem weil sie in den letzten Jahren nur einmal gelaufen ist, als ich vor 6 Jahren das remasterede Doppelvinyl für sensationelle 17,89€ geschossen hatte (CD hatte ich seit Erscheinen), insgesamt weniger als 5x seit der Jahrtausendwende.

Wie so viele stehe ich etwas auf Kriegsfuß mit der Scheibe, einfach weil der Sprung von der And Justice For All ziemlich krass war. Trotzdem, natürlich schon eindeutig Metallica und Anfang der Neunziger allgegenwärtig, mit einigen Parallelen zum nahezu zeitgleich erschienenen und ziemlich ähnlich erfolgreichen Album der Grunge-Popstars aus Seattle, zumindest was die Explosion im Mainstream angeht, nur dass Metallica die schon Erwachsenen bedient hat und Nirvana die Kids.

Deswegen mit ganz viel Abstand und dem Versuch vollkommener Unvoreingenommenheit, ein Versuch einer Neueinordnung und -bewertung.

Wenn ich komplett ausblende, dass Metallica mit den Alben davor eine der größten Metalbands überhaupt waren und das als das sehe, was es ist, nämliches ein eingängiges und ziemlich grooviges Heavy-Rock Album, dann ist es doch recht gut, aber auch mit eklatanten Schwächen:

Die Stärken: so sehr der Sandman auch totgenudelt ist und mir weit zu den Ohren raushängt, das ist schon eine seltene Kombi aus simplen Jahrhundertriff und eingängigem Refrain, die man erst mal hinbekommen muss. Sad But True ist ein wahnsinniger Groover und bei den Songs aus der zweiten Reihe sind einige Perlen dabei, wie The God That Failed, My Friend Of Misery oder Wherever I May Roam. Auch The Unforgiven funktioniert (aber nur hier, die anderen beiden Teile hätte es später nicht mehr gebraucht). Was auch perfekt passt: Die Gitarrenarbeit von James und Kirk, sowie der warme, satte Sound.

Die Schwächen: die allergrößte Schwäche ist und bleibt das unsägliche Nothing Else Matters. Das ist Metallicas größtes Verbrechen (neben Lulu vielleicht noch) am metallenen Teil der Menschheit. Ein paar Füller zu viel (Holier Than Thou, Through The Never, The Struggle Within). Die relative Gleichförmigkeit über die Albumlänge aufgrund fehlender Tempovariationen.

Aber insgesamt war der Durchlauf mehr als ok und mit viel Wohlwollen (und der Annahme dass Enter Sandman noch ganz frisch in den Ohren ist) würde ich das Album schon mit 8,5/10 bewerten. Wie man mittlerweile weiß: besser wurden sie danach nicht mehr. Trotzdem kann es wieder ein paar Jährchen dauern, bis es mich wieder überkommt, die LP aufzulegen.
 
Die "Schwarze" ist und bleibt ein Meilenstein für die harte Gitarrenmusik im Hinblick ihrer Auswirkung auf den Mainstream, auf die Rockmusik und den Stellenwert des Metal allgemein. Beatles und Abba vereint in ihrer Hitdichte im metallischen Kleid. Grandios in Songs und Sound, nach wie vor, auch wenn ich Team "Clifftallica" bin.
 
Das Meiste was du schreibst kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich kann mir schon vorstellen was das für eine Enttäuschung dieses Album für einen waschechten Thrasher gewesen sein muß. Und wahrscheinlich sehen dass viele ältere Menschen genauso.
Aber für einen 12jährigen Pupser, der Metallica vorher nicht kannte, war dies relativ lange mit das wichtigste Album der Welt (zusammen mit der Seasons in the Abyss). Dank dieser beiden Alben bin ich ein Metal Fan geworden. Mit 13 Jahren habe ich einen Ferienjob in der Landschaftsgärtnerei angenommen in der meine Mutter arbeitete, um mir eine Gitarre und einen Verstärker zu kaufen und das erste halbe Jahr hab ich großteils damit zugebracht diese beiden Gottwerke nachzustümpern.
Die vier Alben vorher höre ich heutzutage auch deutlich öfter als die Schwarze, aber es wird immer ein wichtiges Album in meinem Herzen bleiben.
Und die Produktion ist auch heute noch eine der besten im gesamten Musikbiz. Wenn ich das so rekapituliere sind die Metallica's erst durch dieses Album zur größten Metalband alle Zeiten geworden. Wobei, bis auf die 2 Balladen, ich es immer noch ziemlich heavy finde.
Musikalisch liegst die mit deiner Note bestimmt richtig, in meinem Herzen leuchtet eine glatte 10
 
Zuletzt bearbeitet:
Nettes Ding mit vielen Höhen (Sandman, Through The Never, Struggle, Nothing Else Matters, God That Failed, der Sound der Scheibe) und einigen richtig schlimmen Tiefen (Unforgiven ganz besonders und der nicht mehr vorhandene rote Faden der sich durchs Album zieht). 8/10
 
Ein Album, das mich schon extrem geprägt hat. Mit 16 bei VÖ gekauft (wie schon - mit etwas Verspätung - die "Justice" in '88), '93 mein erstes Konzert. Ich mag das Album entsprechend immer noch, auch 'Nothing Else Matters', auch wenn das Frühwerk schon relativ deutlich vorne bei mir ist. Dennoch: ohne Metallica und auch dieses Album wäre ich heute vielleicht nicht hier. Habt ihr Glück gehabt.
 
Für mich war damals sehr enttäuschend, dass gefühlt sämtliche Epik und mehrstimmige Harmonien verschwunden waren. Klar, streng genommen gibt es da ab und zu noch was. Aber diese „Harmonielust“ die Metallica von Ride über Master bis zu Justice immer mehr entwickelt hatten, das war extrem zurückgefahren. Und damit auch diese unglaublich wuchtige Epik (z.B. To Live is to die, Anfang Justice-Titeltrack, Master-Zwischenteil, u.s.w., u.s.w.). Diese Riffs und Melodien, die fast orchestral wirken, obwohl da nur ein paar Gitarren spielen. Die wichen einem Gerocke und Geriffe, das überspitzt gesagt eher Rock‘n‘Roll und Blues in Heavy Metal Form waren. Für mich sind da gar nicht die Balladen das Problem, weil die am ehesten noch die Epik in sich trugen (Unforgiven), sondern die (für mich) langweiligen Riffrocker. Klar, jeder kann die mitgröhlen und man hat sich „eingehört“ und auf der Gitarre macht „Enter Sandman“ echt jedem Anfänger Spaß (quasi unser Smoke on the water) - aber damals war das ein Schock.
 
Die "Schwarze" ist und bleibt ein Meilenstein für die harte Gitarrenmusik im Hinblick ihrer Auswirkung auf den Mainstream, auf die Rockmusik und den Stellenwert des Metal allgemein. Beatles und Abba vereint in ihrer Hitdichte im metallischen Kleid. Grandios in Songs und Sound, nach wie vor, auch wenn ich Team "Clifftallica" bin.
Ich verbitte mir, diesen großartig produzierten, jedoch weitgehend eintönig komponierten Langweiler mit unseren innovativen Großtaten gleichzusetzen.
Gez. Björn McCartney
 
Ich habe Metallica damals als dieses Album rauskam erstmals bewußt durch "Enter Sandman" wahrgenommen, da war ich 13 und meine musikalische Entwicklung nahm ihren Lauf. Ich habe mir dann in einem Second Hand-Laden die MoP gekauft und war erstmal baff, das klang ja völlig anders, aber trotzdem sehr geil. Über MTV und das Radio hab ich dann immer mehr von der Schwarzen mitbekommen, also hab ich mir die auch noch besorgt. Danach folgten RTL, AJFA und erst dann die KEA, in dieser Reihenfolge. Das schwarze Album hat nach wie vor einen großen Stellenwert für mich und läuft auch immer noch regelmäßig. Ich habe mir vor einigen Jahren auch die Deluxe Box dazu gegönnt. Und ja, die von @Prodigal Son genannten Songs sind verzichtbar (Holier Than Thou, Through The Never, The Struggle Within), aber der Rest ist so dermaßen grandios, sowohl was das Songwriting als auch den Sound angeht, dass dieses Album zu Recht Metallicas Status als Superstars begründet hat. Und btw: Nothing Else Matters ist nichts weniger als eine der besten Balladen überhaupt.
 
Gnomos wollte wohl in seiner oberlehrerhaften Art und Weise darauf hinweisen, dass die Platte Seasons In The Abyss heißt ;)
 
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