Rebellion, Drachen und Satan: Songtexte im Metal, Rock und Punk

Daruma

Till Deaf Do Us Part
Manche kennen es vielleicht: Man liest ein Interview mit Band xyz, worin diese ihr neues Album als "Kunstwerk anpreist", bei welchem Songreihenfolge, Sound, Cover Artwork etc alles durchdacht ist. Man kauft darauf die Platte, legt diese auf und setzt sich mit dem Lyric Sheet auf das Sofa und nachdem der Fronter seine ersten Songzeilen rausrülpst, möchte man vor Fremdscham am liebsten im Boden versinken. Jaja, alles ist durchdacht, nur die Texte nicht. Diese hat man kurz hingeklatscht, sind voller Fehler, inhatlich peinlich und passen überhaupt nicht zum Rest der Musik oder noch schlimmer: Man hat sich zwar Mühe gegeben, aber die Englischkenntnisse sind so unterirdisch, dass selbst ein Muttersprachler keine Ahung hat, was der sechzehnjährige Kevin uns da mit seinem anti-kosmischen Gestammel vermitteln will. Texte im Metal sind scheinbar wie Plots im Porno. Sie sind da, aber keiner juckts. Besonders peinlich: Unter manchen Metalheads herrschen Vorurteile und eine tiefe Abneigung gegen HipHop (RAP: Retards attempt poetry höhö), aber selber kriegen sie keine fehlerfreie Songzeile hin, die hinsichtlich der Anzahl Silben, Grammatik und Phrasierung (dem sagt man so, oder?) zur Musik passen würde. Das hat natürlich bei gewissen Bands auch seinen Charme: Die erste Strophe bei "Fallen Angel of Doom" von Blasphemy ist völlig sinnfrei rausgeröchelt oder Agathocles brüllen ihre Messages raus, ohne einen Fick auf irgendwas zu geben. Und bei diesen Bands will ich das auch so haben. Bei anderen Band würde ich mir hingegen wünschen, sie würden den Texten etwas mehr Aufmerksamkeit schenken.

Es geht aber eben auch anders und daher dachte ich mir, man könnte einen Thread starten, wo man eben gerade gelungene, witzige, intelligente, sprachgewandte und spannende Songtexte postet und diskutiert. Da Texte ansonsten wenig Beachtung erhalten, sollte es gewürdigt werden, wenn sich einer mal richtig Mühe damit gegeben hat. Am besten fände ich das Posten eines Lyricvideos, weil man dann auch die Musik dazu hört und ein paar Worte, warum man den Text so gelungen findet.

Ich mache mal den Anfang:

Rainbow - Temple of the Kings
Es mag überraschen, dass ein Krachliebhaber wie ich ausgerechnet eine Ballade mit Dio am Gesang postet. Aber Dio war eben nicht nur ein guter Sänger, sondern ein guter Erzähler und Texter. Dabei ging es ihm gar nicht so oft um den Inhalt, sondern dass eben die Wörter, Silben und der Rythmus gut zur Musik passte. Und besonders gut gelang ihm dies bei diesem Song:

One day, in the year of the fox
Came a time remembered well
When the strong young man
Of the rising sun

Heard the tolling of the great black bell
One day in the year of the fox
When the bell began to ring
It meant the time
Had come for one to go
To the temple of the king
Besonders gelungen finde ich hier, wie einsilbige Wörter verwendet werden, aber durch ihren Klang und Kombination eine enorme Atmossphäre erzeugt wird. Und was zur Hölle ist "The year of the fox?" Damit wird sofort eine geheimnisvolle Stimmung erzeugt. Hier das Lyric Video zum ganzen Song:

Am Ende vielleicht noch eine Klarstellung: Mir geht es nicht um schöngeistigen, intellektuellen Anspruch. Hier darf auch gerne sowas wie Manowar gepostet werden. Denn auch wenn die Kinderreime von Manowar inhatlich total dämlich sind, haben die Songtexte einen besseren Flow und sind besser phrasiert, als 90% der anderen Drachentöter Bands. Und vorallem sind Manowar Texte eines: Eigenständig. Einen Text von Manowar erkennt man sofort. Nur Manowar schaffen es das Wort "Power" ca. 80 mal in einem Song zu verwenden. Und das ist so dämlich, das es schon wieder geil ist. Daher geht an dieser Stelle noch ein lautes Hail an Manowar.
 
Texte im Metal sind scheinbar wie Plots im Porno. Sie sind da, aber keiner juckts.
Nee, also nee jetzt - noch nie. Das hab ich schon von meinem Paps gelernt, dass Musik hören und Texte lesen zusammen gehören.
Daher ist das für mich nach wie vor wichtig. Dank besserer Englischkenntnisse reicht mittlerweile oft zuhören (wenn denn verständlich), sonst lese ich halt mit.
Und ja, ein bescheuerter Text kann mir einen Song vergrätzen, der musikalisch möglicherweise passend wäre (Bsp. Testament - 'The Evil Has Landed').

So, sehr schöne Threadidee, zu der mir quasi unendlich viele Beispiele einfallen.

Achtung, das ist poppiger Prog. Der Sänger bezeichnet sich selbst als 'großen Menschen mit zu vielen Gefühlen', die er textlich verarbeitet. Dieses Stück - 'Wornout Mannequin' - beschreibt das Gefühl seine Rolle im Leben abzuliefern, zu funktionieren obwohl man gern hinter seinen Mauern bleiben möchte. Und der Zustand, der einer zerlumpten Schaufensterpuppe entspricht, wenn man wieder zu sich selbst kommt.
Das Bild hatte mich vom ersten Moment an - ein bisschen kitschig ? - meinetwegen.

I was marching on
Life just went along
It was medicine
It belongs where I go
Not a show it's my mirror
Stuck in its reflection
It's where I go
I am marching on
And they sing along
It's my medicine
It belongs where I go
Not a show it's my mirror
Stuck in its reflection
It's the road I go
You beg me for my soul
Dig deeper to see
These epochs changing me
Forever I am,
forever I cannot see
A self-made narrative is what is given
Naked and buried I finally feel
blind eyes still seek
My soothed mind still speaks
Please let me be
You beg me for my soul
Dig deeper to see
You want me to deliver
And it makes me bleed
You whisper your attack, whisper lies
Share your breath with me, you swallowed mine
Keep in mind there is still a hope
Need that remedy, godspeed
Leaving the silence behind doors so thin
I laid my body down to hear the sound
I don't belong here
I don't belong
Leaving the quiet behind doors so thin
I laid my body down to hear the sound
I don't belong here
I don't belong
I don't belong here
I don't belong
You beg me for my soul
Dig deeper to see
You want me to deliver
And it makes me bleed
You whisper your attack, whisper lies
Share your breath with me, you swallowed mine
Keep in mind there is still a hope
Need that remedy, godspeed
We are here
We are
Every night so confused
Trapped in my own abuse
Courtesy courtesy
Dark and blistered
Worn out mannequin
The end

 
Und der Zustand, der einer zerlumpten Schaufensterpuppe entspricht, wenn man wieder zu sich selbst kommt.
Das Bild hatte mich vom ersten Moment an - ein bisschen kitschig ? - meinetwegen.
Habe erst den Text gelesen und dann in einem zweiten Schritt mir den Song angehört. Normalerweise gehe ich umgekehrt vor: Erst mal die Musik wirken lassen und dann die Texte lesen. Aber ist irgendwie noch spannend, einen Text zu lesen, ohne dass die Musik einem beeinflusst. Ich glaube, ich hätte eine Zeile wie "Not a show it's my mirror, Stuck in its reflection" nicht so düster wahrgenommen, wenn ich dazu die Musik schon gekannt hätte. Daher habe ich das jetzt auch nicht als kitschig wahrgenommen. Aber vorhin lief hier auch gerade Primordial. Entsprechend grimmig ist die Stimmung bei mir gerade.
Bsp. Testament - 'The Evil Has Landed
Kannte ich nicht. Was für ein Käse. Und nicht mal witzig schlecht sondern schlecht schlecht :D
 
Endlich mal wieder "Der Gehetzte der Sierra Madre" gucken und paar Pils schlürfen :verehr: :verehr::verehr:
 
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