66.
6 ABIGOR - Time Is the Sulphur In The Veins Of The Saint (2010)
Hier haben wir es mit einem krass fordernden und kompromisslosen Konzeptalbum der österreischischen Black-Metaller und ihrem eindeutig progressivsten (und für mich auch besten) Werk zu tun (progressiver selbst als vieles, was gemeinhin unter Progressive Rock oder Progressive Metal läuft).
"Thesis: The devil, great consumer of martality, appears as the destroyer of cause and effect, and of God's linearity. Hence man can be merged in his infinity"
Nach der gesprochenen Einleitung und dem Ticken einer Uhr erwartet uns eine einzige, knapp 40-minütige Komposition in zwei Parts, die auf ungeübte Hörer vielleicht wie vertontes Chaos wirken könnte, die einem aber als offenen Musikhörer (mit Vorliebe für komplexere Klänge) so viel bieten kann und dabei einiges an beeindruckender Musikalität offenbart, vor allem aber eine spannende, kompositorische Unvorhersehbarkeit, die allerdings irgendwie trotzdem auf ihre Art stringent/passend im Ablauf ist.
Einige Parts hatten mich gleich beim ersten Durchlauf, andere erschlossen sich erst nach mehrmaligem Hören. Was mir immer auffällt, ist die geniale Übereinstimmung von Text und Musik, alles wurde perfekt passend vertont, wie z.B., als die Textzeile
"...a time to keep and a time to throw away, a time to tear apart and a time to sew together, a time to be silent..." kommt und dann plötzlich absolute Stille folgt, oder wenn nach einem relativ melodischen Part und dem Ausruf
"Tabula Rasa" auf einmal plötzlich wahnsinniges Geknüppel mit schrägen, sich nicht gleich erschließenden Gitarrenläufen folgt und gefühlt alles hinwegfegt!
Das Album fühlt sich an, wie eine Reise durch ein chaotisches und größtenteils lebensfeindliches Universum, hat aber auch epische und ruhigere Momente und teilweise auch richtig geile Melodien (der verzerrte Bass erinnert mich außerdem an ein paar kurzen Stellen ein wenig an ganz alte Manowar), an anderen Stellen Industrial-artige, elektronische Spielereien (die Produktion wirkt hier aber bei weitem nicht so klinisch wie beim Vorgänger
"Fractal Possession"). Vom Tempo her ist von schleppend bis absolut rasend auch alles dabei, außerdem neben Black-Metal-typischen Gekrächze/Gekreische auch mal melodischer Gesang, epische Chöre und beschwörendes, heiseres Flüstern (das mich durchaus auch mal an KING DIAMOND erinnert).
Wenn mir mal gerade fast alles zu eingängig ist, ich aber trozdem Lust auf Musik habe, die nicht wie zufällige Geräuschkulisse klingt und die trotz häufiger aggressiver Ausbrüche enorm vielseitig/abwechslungsreich ist, ist dieses Album genau das richtige und begeistert mich jedes Mal!
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65. STRAPPING YOUNG LAD - The New Black (2006)
Ich scheine relativ allein damit zu sein, aber dieses Album ist für mich das beste, was SYL, oder überhaupt Devin Townsend veröffentlicht haben.
Stilistisch enorm vielseitig und dabei oft extrem mitreißend!
Wie kann man das jetzt für Neulinge stilistisch beschreiben/benennen? Progressive Melodic Industrial Extreme Metal?
Der Opener ist recht melodisch, aber hat trotzdem gut Dampf. In
"You Suck" wird dann richtig losgeknüppelt (Gene Hoglan ist aber auch ein Gott am Schlagzeug!), dazu gibt es trotz ziemlich dramatischer Stimmung einen recht albern-lustigen Text. Nach nicht einmal drei Minuten ist der Spaß schon wieder vobei. In
"Anti Product" geht's dann erstmalig gemäßigter zu, der Song groovt im Midtempo und hat sogar einen Bläserpart.
"Monument" ist wieder etwas flotter aber eher stoisch-stampfend als rasend, auch hier gibt es Bläser(samples) zu hören, aber die Stimmung ist ganz anders, vor allem im Instrumentalpart, auf den noch ein anderer Part mit Gesang folgt - coole Atmosphäre!
Bei
"Wrong Side" wird das Gaspedal wieder ordentlich durchgetreten, dazu gibt es hammermäßiges Gitarrengedudel über epischem Gesang im Refrain, (ansonsten viel Gebrüll). Bei ca. 1:50 wird es (trotz gleichbleibend hoher Geschwindigkeit) richtig episch-dramatisch, mit fast soundtrackartiger Atmosphäre. Hope ist erstmal wieder grooviger, dabei recht unmelodisch, gegen Ende steigert es sich dann aber in krasses Geknüppel.
"Far Beyond Metal" ist wieder zugänglicher und mitreißender (gibt auch nen Gastauftritt von Oderus Urungus von GWAR), mit einem fast schon kitschigen Refrain.
"Fucker" fällt für mich dann als einziger Song deutlich ab - ist zwar eingängig, aber schon beinahe zu sehr auf Groove und Massentauglichkeit getrimmt, mit für mich teilweise recht nervig-nöligem Gastgesang. Na ja, ganz nette Unterhaltung. Mit
"Almost Again" folgt dann allerdings mein Lieblingssong (bzw. das gesamte Abschluss-Triple ist mein Highlight), soetwas hatte ich vorher nie gehört - einerseits hat der Song eine fast schon entspannte, Ambient-artige Atmosphäre, dabei aber gleichzeitig beinahe hektisches Schlagzeugspiel und teilweise sogar Blastbeats (im epischeren Part) - völlig einzigartig und ich bekomme immer Gänsehaut bei dem Stück!
Auch das düster-atmosphärische
"Polyphony" kann mich begeistern, ist aber weniger ein eigenständiger Song, als vielmehr eine Überleitung zum Finale, das mit dem Titelsong auch großartig ausgefallen ist - episch, komplex, sich langsam bedrohlich aufbauend und am Ende Raserei.
Insgesamt ist das Album sehr kurzweilig (nur gute 42 Minuten lang) und die Songs auch alle eher "normal" lang bis kurz, aber die große stilistische Bandbreite und Komplexität rechtfertigen hier die Einordnung "Prog" meiner Meinung nach trotzdem.
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64. JANNICK TOP - Infernal Machina (2008)
Dies ist das zweite Soloalbum (eigentlich das erste "richtige", eigenständige) des ehemaligen MAGMA-Bassisten (spielte in den 70ern auf den Klassikern
"Mekanik Destruktiw Kommandöh", "Wurdah Itah", "Köhntarkösz" und
"Üdü Wüdü") - und was für eins!
Einerseits emanzipiert er sich mit diesem Konzeptalbum von seiner früheren Hauptband, andererseits verarbeitet er hier auch noch mal ein paar Parts, die er Mitte der 70er für MAGMA geschrieben hatte und liefert dabei ein Album, das überhaupt nicht "retro", oder nach uninspiriertem Spätwerk eines alternden Musikers klingt, sondern frisch, kreativ und durchaus innovativ! (Für MAGMA-Kenner könnte man sagen, es klingt ein wenig wie eine metallische Magma-Variamte mit Ethno-Einflüssen - es gibt auch Gastauftritte von diversen damals aktuellen und ehemaligen MAGMA-Bandmitgliedern)
Die Einleitung ist schon ungewöhnlich: ein (kleiner) Bulgarischer Frauenchor erzeugt eine außerweltliche Atmosphäre (und bei mir auch Gänsehaut), meines Wissens hat vorher noch niemand sowas mit Rock verbunden!
Man muss das Album eigentlich am Stück hören, da die einzelnen Stücke teilweise nahtlos ineinander übergehen und das Ganze wie eine einzige, sich sehr langsam aufbauende Komposition wirkt, die einen auf eine Reise mitnimmt! Man braucht aber durchaus viel Geduld, da der Aufbau - entgegen aktueller Hörgewohnheiten - extrem langsam erfolgt.
Im dritten Teil tauchen immerhin erstmals (durchaus harte) Gitarren auf, die nach einer Weile wieder von den bulgarischen Sängerinnen begleitet werden.
Die Parts V und VI basieren auf dem prägnantesten (sich langsam beschleunigenden) Teil des (von Top komponierten) MAGMA-Stücks
"De Futura", allerdings mit zusätzlichen Parts abwechselnd und teilweise weiterhin von den Sängerinnen begleitet, was hier für mich sogar noch besser klingt, als die schrägen Keyoard-Sounds beim Magma-Original.
Außerdem beginnt der Teil viel langsamer gespielt, steigert sich dann aber über fast 11 Minuten bis zur etwa gleichen Geschwindigkeit, wie bei
"De Futura" (das ist wahrscheinlich die langsamste Beschleunigung eines Musikstücks, die ich jemals gehört habe). Darauf folgt ein Break und eine eher fröhliche Klaviermelodie ertönt. Im weiteren Verlauf gesellt sich noch improvisiert wirkendes Schlagzeugspiel dazu (von Magma-Mastermind Christian Vander gespielt), außerdem auch einige von Magma bekannte Sänger*innen (es ertönt sogar dann eine der Hauptmelodien von
"Mekanik Destruktiw Kommandöh"). Ab dem neunten Teil wird die Stimmung wieder bedrohlicher und ab hier steigert es sich stetig aufs Finale (Part XI) hin, das ich auch absolut großartig finde. Allerdings folgt dann noch ein Stück, dass erst daran anknüpft, sich dann aber gegen Ende fast wie ein Techno-Remix davon anhört. Das gefällt mir nicht so gut und ich lasse das immer weg (hat aber schon seinen Sinn, da hier wohl der Sieg der Maschinen über die Menschen vertont werden sollte - das Album hat zwar keine wirklichen Texte, sondern nur lautmalerlischen Gesang, aber eben das Konzept der die Herrschaft übernehmenden Maschinen).
Leider gibt es anscheinend die ersten vier Teile nicht auf Youtube zu hören, aber hier mal Part V und VI:
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Huih, doch noch ein Post ausschließlich mit 2000er Alben (ursprünglich hatte ich statt dieser 64 allerdings noch ein Spät-60er Album drin, dass ich spontan aussortiert habe).