[Top of the Progs - 100 Meisterwerke] Pavlos' Liste

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09. Genesis - Nursery Cryme (UK, 1971)

Gitarrist Anthony Phillips verließ nach "Trespass“ die Band, weil er sich den zunehmenden körperlichen und mentalen Herausforderungen nicht mehr gewachsen sah. In diesem Zuge trennten sich Banks, Gabriel und Rutherford auch gleich von Schlagzeuger John Mayhew, der sich ihrer Meinung nach nicht schnell genug mit dem Rest der Band weiterentwickelt hatte. Als Nachfolger kamen zunächst Phil Collins, wenig später Steve Hackett in die Band. Letzterer konnte mit seinem klassisch inspirierten Spiel und vielen (für die damalige Zeit) neuen Ideen und Techniken (Tapping, mehrere Pedale, etc.) sofort neue Akzente setzen, während Collins' nuancenreiche Skills die Band endgültig auf das nächsthöhere Level katapultierten. Innerhalb kürzester Zeit mauserten sich Genesis zu einer technisch versierteren, einfach viel stärkeren Einheit, und entwickelte den Stil und Sound ihres Debüts auf ihrem dritten Album weiter. Lyrisch waren die Kompositionen von Literatur, Mythen und Märchen inspiriert, die den Hörer überall hin entführten, nur nicht ins Hier und Jetzt. Mit diesem Gesamtpacket hatte die junge und nun „komplette“ Band schon in etwa ihren Sound für die kommenden Jahre definiert.

Der Plattentitel "Nursery Cryme", ein Wortspiel aus nursery rhyme (Kinderreim) und crime (Verbrechen), leitet sich vom phänomenalen Opener 'The Musical Box' ab. Dieser zehneinhalbminütige Song fängt mit viel Leidenschaft, theatralischer Dramatik und dem ständigen Wechsel zwischen ruhigen, melodischen Parts und deutlich härteren, energetischen Passagen mit unglaublicher Dynamik jedes Element klassischer Genesis perfekt ein. Im Text geht es, salopp zusammengefasst, um den achtjährigen Henry Hamilton-Smythe minor, der beim Krocket von seiner neunjährigen Spielgefährtin Cynthia Jane De Blaise-Williams mit deren Krocketschläger erschlagen und enthauptet wird, wenig später als rasch alternder Geist in einer Spieluhr zurückkehrt um von Cynthia sein sexuelles Verlangen nach ihr erfüllt zu bekommen, nur um schließlich vom herbeieilenden Kindermädchen samt der Spieluhr zerstört zu werden. Weird stuff, indeed. Zwischen den zaghaft folkigen Tönen des Songintros ("Play me Old King Cole...") bis zum erregten, explodierenden Finale ("Won't you touch me, touch me, now, now, now!!") spannt der Track eine musikalische Leinwand, auf der sich dieses surreale Wortgemälde samt detailierter Musik abspielen kann. Gabriel schlüpft hierfür in keine Rolle, er IST zu jeder Sekunde Henry. Banks und Hackett duellieren sich an und mit ihren Instrumenten dermaßen furios im Mittelteil, als ob der neue Mann an der Gitarre dem stoischen Bandchef die musikalische Führung streitig machen wolle. Sein Solo offenbart eine eigene Handschrift, wirkt dabei bis ins kleinste Detail durchkomponiert, es hebt die Qualität des Tracks enorm an und zeigt, welch erstaunliche Qualitäten sich die Band reingeholt hatte. Und wenn am Ende aller Dynamikspielchen und Storywendungen die alles überstrahlende Orgel übernimmt, und Henrys alter Geist mit seinem leidenschaftlichen "Touch me!" Flehen das emotionale Finale einleitet, dann besteht mal wieder kein Zweifel daran, wer verdammt nochmal die besten, nein, die allerbesten Geschichtenerzähler im Prog waren. Das skurrile Artwork zeigt dann auch Cynthia beim Krocket mit mehreren abgetrennten Köpfen, und gibt mit seiner Motiv- und Farbwahl den alten, britischen Geist des Viktorianischen Zeitalters, der in vielen Momenten der Platte haust, hervorragend wieder. Wie eben auch in den 'The Musical Box' Lyrics, die menschliche Urängste zwischen kindlicher Naivität und adoleszenter Lust pendeln lassen, und das dann als eine Art absurdes Schauermärchen präsentieren.

Das verträumte 'The Fountain of Salmacis' und das härtere 'The Return of the Giant Hogweed' sind die beiden anderen Großtaten des Albums und zeigen mit ihrer unnachahmlichen Strahlkraft die Musik von Genesis von ihrer epischsten und märchenhaftesten Seite. In 'The Return Of The Giant Hogweed' wird auf satirische Weise beschrieben, wie eine britische Expedition in den Kaukasus mit einem Exemplar des extrem giftigen Riesen-Bärklaus zurückkehrt, dieser sich rapide in London verselbstständigt und ausbreitet, dabei immer größer, aggressiver und monströser wird, und schließlich der ganzen Menschheit den Krieg erklärt. Die Keyboards schieben den Song ständig voran, die Instrumente verdeutlichen mit kleinen Details, wie die Pflanzen gefährlich wuchern und sich überall ausbreiten. Gabriel schlüpft mit seinem extravaganten Gesang in verschiedene Rollen, wie er es fortan regelmässig tun sollte. Hacketts Tapping im Soloteil hat Pioniercharakter, das kann man nicht oft genug unterstreichen.

Im von der griechischen Mythologie inspirierten 'The Fountain Of Salmacis' findet ein Jäger einen See, der alle, die darin baden, umgehend in Zwitter verwandelt. Anschwellende Streicherklänge und Orgel-Appregios eröffnen das Stück und zeigen einen jungen Tony Banks, der hier den Bandsound mit seinen Tasteninstrumenten dominiert und dabei zu absoluter Hochform aufläuft. Ich sage es nochmal: die Jungs waren damals alle Anfang 20, let that sink in! Im Mittelteil übernehmen dann Bass und Drums mit einem genialen, mal treibenden, mal "hüpfenden" Rhythmus, über dem sich Hackett bis hin zum Finale frei austoben kann. Sein Spiel, seine Soli, seine Techniken strotzen vor Genialität und passiver Extrovertiertheit. Es muss nicht nach außen den Großen markieren, seine Töne übernehmen dies für ihn - und somit ist er das Gegenteil von seinem eher verschlossenen Vorgänger Anthony Phillips und die perfekte Wahl für eine junge, aufstrebende Band, wie es Genesis Anfang der 70er waren.

Und auch die restlichen Lieder können überzeugen. Wie z.B. 'For Absent Friends', ein rührendes Gitarren-Zwischenspiel, das von den beiden Neulingen Collins und Hackett geschrieben, und sogar vom Schlagzeuger alleine gesungen werden darf. Der Text hier mag zunächst banal erscheinen, zwei Witwen besuchen eine Kirche und sinnieren über das Leben und verstorbene Freunde und Familienmitglieder, aber es ist die Tiefe der Worte, mit denen klitzekleine Beobachtungen beschrieben werden, die diesen Track zu Herzen gehen lässt („Looking back to days of four instead of two, years seem so few, heads bent in prayer for friends not there“).

Im Gegensatz dazu steht dann das fröhlich klingende 'Harold The Barrel', das Gabriels schrägen Humor und seine äußerst verdrehten Texte demonstriert. Der junge Harold ist seines Lebens müde und will sich aus dem Fenster stürzen, wird dabei aber von seiner bevormundenden Mutter, die wohl der Grund für sein Vorhaben zu sein scheint, zurückgehalten. Mama ist über die Idee ihres Sohnemanns empört und macht sich Sorgen, was denn die Nachbarn über so eine Aktion denken werden. Außerdem stünde schon ein neugieriges TV Team vorm Haus, und mit einem schmutzigen Hemd springt man ihrer Meinung nach schon mal gar nicht freiwillig in den Tod. Schaulustige gesellen sich dazu und kommentieren den Monty Pythonesquen Dialog zwischen Mutter und Sohn, als Harold am Ende plötzlich dann doch seinen Plan in die Tat umsetzt. Ein schrulliger Text über ein (tod)ernstes Thema, begleitet von farbenfrohen Akkorden und kleinen, bissigen Kommentaren der Band zum damaligen Zeitgeist.

'Seven Stones' ist im Grunde eine wunderschöne, melodische kleine Melodie, die sich ,getragen von Banks' Mellotronklängen und Gabriels hymnischen Gesangslinien, von Strophe zu Strophe steigert, dabei musikalisch noch am ehesten an "Trespass" erinnert, und am Ende in einem explodierenden, majästetischen Finale mündet, dass seinesgleichen sucht – auch im Oeuvre der Band selbst, wohlgemerkt. Banks spielt hier übrigens das von King Crimson auf deren Debüt benutzte Mellotron, welches er kurz zuvor Robert Fripp abgekauft hatte. Die düsteren Lyrics befassen sich mit der Unabwendbarkeit des Schicksals und der Sinnlosigkeit, den Lauf der Dinge verstehen oder gar ändern zu wollen.

Das dreiminütige 'Harlequin' eint nochmal Gabriel und Collins im Gesang und zeigt, wie wertvoll der neue Schlagzeuger auch als Backgroundsänger für die Weiterentwicklung der Band war. Obwohl Gabriel natürlich weiterhin der unantastbare Frontmann der Truppe blieb, begann Collins' unverwechselbare Stimme hier schon durchzuscheinen. Sein Gesang verlieh dem Sound der Truppe eine neue Dimension, verschmolz dabei nahtlos mit dem von Gabriel, und deutete so schon bei seinem Einstand auf das Charisma und die stimmliche Stärke, die später seine Solokarriere prägen sollten. Erneut bietet die Band einen deepen Text („There was once a harvest in this land, reap from the turquoise sky, harlequin, harlequin. Dancing round, three children fill the glade, theirs was the laughter in the winding stream, and in between“ entführt den Hörer wieder einmal ins Viktorianische Zeitalter), aber insgesamt bleibt mir die Nummer einfach zu blass, zu monoton. Ich möchte nicht von einem wirklichen Schwachpunkt sprechen, dafür ist der erzielte Effekt von Musik und Text zu gelungen, aber der Unterschied zu den restlichen Tracks ist dann doch recht offensichtlich. Der Legende nach wollte Rutherford die Nummer damals auch gar nicht aufnehmen.

Trotz dieses kleinen "Ausrutschers" bleibt "Nursery Cryme" ein Wahnsinnsalbum. Alle Songs klingen verschieden und dadurch individuell, bilden im Gesamten aber dann doch eine perfekte Einheit. Kritiker bemängeln den ungeschliffenen Klang der Platte, aber genau diese rohe Power ist es, die perfekt zu den wahnwitzigen Songs dieses Albums passt. "Nursery Cryme" wird gerne mal unterschätzt, erschreckenderweise auch von der Band selbst, aber wer sich auf die faszinierende Magie dieser im wahrsten Sinne des Wortes bezaubernden Platte einlässt, dabei mit ängstlichen Blick die geheimnisvolle Spieluhr aufzieht, ehrfürchtig den furchteinflößenden Riesen-Bärklau gießt, und im Anschluss mutig Salmakis und Hermaphroditos bei den Händen nimmt und mit ihnen zusammen in deren Quelle badet, der wird den silbernen Schlüssel für eine Rückkehr aus dieser musikalischen Welt für immer wegwerfen.

The Musical Box
 
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#10 und #9 sind natürlich herausragende Werke ihrer Schöpfer, aber da gibt es jeweils noch mindestens zwei weitere, die für meine bescheidenen Ohren noch famoser sind. Und bei mindestens zwei von diesen jeweiligen bin ich mir sicher, dass wir von ihnen hier noch lesen werden, nachdem England ja schon pfundweise verscherbelt wurde... :)
 
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08. Dream Theater - When Dream And Day Unite (USA, 1989)

„Zwar sollte man sich die Platte schon ein bisschen öfter anhören, da Dream Theater unzählige Breaks, Tempiwechsel (hier und da sogar etwas Double Bass) und komplizierte Harmonien aneinanderreihen, aber es sind echte Songs, die da aus den Boxen tönen. Songs, die ungeheure Spannungsmomente enthalten und einen noch wirklich bis zur letzten Sekunde mitreißen!“ war mal im RockHard zu lesen, und beim hochheiligen Petrucci, dem Schutzpatron der nerdigen Bartträger, mit diesen Worten hatte Stratmanns kleiner Holger den berühmten Nagel aber mal sowas von auf den Kopf getroffen. Über den musikalischen Inhalt dieses Wunderwerks muss ich hier nicht viel schreiben, den kennen und lieben wir alle hier, der ist bis ans Sterbebett ganz tief in uns verwurzelt. Aber trotzdem möchte ich ein paar Gedanken über diese bahnbrechende Scheibe loswerden, denn „When Dream And Day Unite“ hat unser aller Leben als Progfans beeinflusst.

Hin und wieder taucht eine Band auf, die ihr Genre neu definiert. Sei es durch pure Innovation, ungezügelte Leidenschaft oder schier grenzenloses technisches Können. Nun, Dream Theater bündelten ab Mitte der 80er das alles in ihrem Sound, erweiterten diesen über das damals Begreifliche hinaus, und erschufen damit einen Präzedenzfall, an dem sich alle zukünftigen Bands messen lassen mussten bzw. müssen. Meiner Meinung nach hatte die Band ihre stärkste Phase gleich zu Beginn ihrer Karriere. Was der Fünfer zunächst als Majesty, danach unter neuem Namen mit dem hier besprochenen Debüt und dessen Nachfolger "Images And Words" aufgenommen hat, stellt für mich, als Zeitraum über mehrere Veröffentlichungen betrachtet, ohne jeden Zweifel den überragenden Zenit progressiver Metalmusik dar. Mathematische Virtuosität, als wäre ein gerader Beat ein Affront, und Dramatik bis zum geht nicht mehr. Der ewige Titel und Ruf der Genrekönige basiert auf eben jener Zeit, und den wird ihnen auch niemals jemand wirklich streitig machen können, dafür war ihre Frühphase viel zu gut und prägend. Da kamen fünf strebsame Musikverrückte zusammen, die alle dieselbe Vision eines bestimmten Sounds hatten. Sie waren trotz ihres jungen Alters keine völlig überforderte Zauberlehrlinge wie bei Goethe, nein, sie waren damals schon kenntnisreiche Istari mit mächtigen Zauberstäben, und die Lieder auf „When Dream And Day Unite“ waren ihre Sprüche. Um zu verstehen, wie es zu all dem kam, müssen wir ein paar Jahre zurückspulen.

Entgegen der gängigen Meinung, lag Prog Anfang der 80er nicht am Boden. Er entwickelte sich ständig weiter, auch wenn die goldenen Jahre natürlich schon längst vorbei waren. Genesis, Yes, Rush und viele andere Giganten des vorherigen Jahrzehnts kleideten sich mittlerweile seltsam und erfanden ihre Sounds komplett neu. In den meisten Fällen allerdings mehr schlecht denn recht. Mit dem Neoprog entstand (zunächst in England) eine Art Gegenbewegung, die großen Wert auf die alten Klänge und eine dazu passende Ästhetik legte. Vielen Musikern war das aber zu wenig, und so langsam fingen die ersten Kombos an, in ihren Proberäumen den alten Prog Rock und den praktisch frisch geschlüpften Heavy Metal zu verschmelzen. Die Zeit zwischen 1982 und 1985 markierte die ersten Ansätze dessen, was später Progressive Metal werden sollte. Wobei die Idee, diese beiden Spielarten zu kombinieren nicht überraschend kam. Rush und Yes spielten vor ebenso vielen langhaarigen Rockern wie vor eifrigen Prog-Nerds, während junge Bands wie Iron Maiden, und da besonders Steve Harris, ausgesprochene Prog-Kenner waren, deren Plattensammlungen neben Alben von Jethro Tull und Gentle Giant eben auch Black Sabbath und Deep Purple umfassten. Rückblickend war es also absehbar, dass es früher oder später zu harten progressiven Klängen kommen musste. Einer derjenigen, die bei all diesen rasant ablaufenden Entwicklungen aufmerksam zuhörten, war der New Yorker Teenager Mike Portnoy, ein frühreifer, extrem talentierter Schlagzeuger und leidenschaftlicher Fan dieser neuen Musikentwicklung, der mit seinen Kumpels John Petrucci und John Myung die Vision teilte, den Prog, mit dem die drei in den 70ern aufgewachsen waren, mit den zeitgenössischen neuen Klängen des Heavy Metals zu verbinden.

Ab Mitte der 80er entwickelte und emanzipierte sich der Progressive Metal nach und nach vom „normalen“ Stahl, warf vereinzelt Hochkarätiges wie "Energetic Disassembly“ (1985), "Dimension Hatröss" (1988) und „Operation: Mindcrime“ (1988) ab, und bot schließlich 1989 mit der heiligen Dreifaltigkeit "Perfect Symmetry“, "Control AndResistance" und eben "When Dream And Day Unite" sowas wie den Höhepunkt dieser ersten Hochphase des Genres. Drei unantastbare Meisterwerke, die immer noch von jeder möglichen Bewertungsskala die maximale Punktzahl verpasst bekommen. Dabei gab es aber ein paar feine Unterschiede. Watchtower klangen kompliziert und crazy, Fates Warning düster und kalt, Dream Theater durchdacht und bombastisch. Letzteres aufgrund von Kevin Moores Sounds, die hier noch ganz klar von den symphonischen Fanfarenorgien alter Yes und Rushs Synth-Phase Mitte der 80er inspiriert wurden. Moore schaffte es, diese Klänge immer wieder als führendes Element im Bandsound zu verwenden, klang dabei nie soft oder cheesy, sondern vertonte Träume in MIDI. Seine Synthesizer waren keine Deko, sondern strukturgebende Texturen und zu jenem Zeitpunkt schon Genre-definirend. Abgefahren und beeindruckend, wie ein Morsecode aus der Zukunft. Damit ist Moore für mich sowas wie der heimliche Star der Scheibe. Dabei kam ihm zugute, dass der Sound bzw. Mix des Albums sehr dünn ausfiel und speziell Gitarren und Drums der notwendige Punch fehlte, was die voluminösen Keyboards noch mehr über allen anderen schweben ließ. Ein weitere Nutznießer dieser Konstellation war übrigens John Myung, der hier noch prominent klackern und kleckern durfte, und dessen Bass im Soundbild der nachfolgenden Scheiben immer weiter nach hinten gemixt, ja fast schon versteckt wurde. Natürlich klang die Band später fetter, aber das stört mich überhaupt nicht. Denn dadurch, dass ich Ende der 80er, Anfang der 90er ganz viele damals aktuelle Meisterwerke entdeckt habe, die mit dieser Art "Das klingt, als ob die Band hinter einer Glasscheibe steht und spielt" Sound versehen waren, fühlt es sich für mich normal an. Es mag dünn, roh, ungeschliffen, fast schon Demo-artig sein, was da aus den Boxen kommt, aber ich assoziiere mit dieser Art Kolorit solch supergeile Prachtscheiben wie "Nosferatu", "Refuge Denied", und um jetzt mal im "reinen" Prog Metal zu bleiben, "Control And Resistance". Ergo hat mich die Art und Weise, wie "When Dream And Day Unite" tönt nie beim Hören, Abfeiern oder Bewerten der Scheibe beeinflusst. Der Stoff muss genau so klingen, wie er es eben tut. Wäre er cleaner und druckvoller, würde das meiner Meinung nach komplett die Magie zerstören.

Im Gegensatz zu ihren späteren Sachen, lassen sich die meisten Texte auf "When Dream And Day Unite" ganz gut interpretieren, was damals den Zugang für mich deutlich vereinfachte. Aus alten Interviews mit der Band ging hervor, dass es in 'Light Fuse And Get Away', mit all den schizoiden Taktwechseln der wohl progressivste Track des Albums, um eine gescheiterte Beziehung geht, die für die eine Person rein sexuell, für die andere jedoch weitaus mehr war, aber das beschriebene Gefühl in Zeilen wie „I can see what trust and loyalty have done for me, lying bleeding in the dark with a thirst for revenge and a dangerous heart“ kennt wohl jeder, da muss es nicht unbedingt wie im Song um den Austausch von Körperflüssigkeiten gehen. Oder 'The Killing Hand', bei dem jemand aus einem Traum erwacht und sich vor einer Wand wiederfindet, auf der Namen Verstorbener zu lesen sind. Er sucht den Mörder namens The Killing Hand (indem er in einen See abtaucht und dadurch in der Vergangenheit landet - wtf?), findet ihn und bringt ihn zur Strecke. Als er wieder in die Zukunft und zu besagter Wand zurückkehrt, steht sein Name nun auch drauf. Er selbst war/ist also The Killing Hand, was wunderbar als surreale Fantasie, aber auch als Metapher für das Leben und damit einhergehende Entscheidungen, und wie man damit umgehen sollte, funktioniert. Das ist mein Lieblinsgtrack der Platte, die ruhigen Gitarren zu Beginn und zwischendrin sind wunderschön, und Moores Keyboards treiben und begleiten den Protagonisten durch seine bizarre Suche. Auch toll ist 'A Matter Of Time' mit seinem autobiographischen Text, der selbstsicher aussagt, dass es eben nur eine Frage der Zeit war, bis die Band den verdienten Erfolg in Form eines Plattenvertrags einfahren würde. Aber leider wurde diese Euphorie schnell wieder ausgebremst, da "When Dream And Day Unite" selbst von den eingefleischtesten Metal- und Progfans unbemerkt blieb, weil das Label versäumte, es zu promoten (nachdem die Songs aufgrund von Business-Problemen monatelang fertig aufgenommen im Studio vor sich hinschlummerten). Das verkomplizierte die Geschichte der Band ungemein, aber wir wissen ja, am Ende gab es dann doch ein Happy End. Wenn auch mit zahlreichen Umwegen. Aber so ist das meistens, wenn man an seinen Träumen festhält.

"For the first time in a long time everything was right in my world...and then I woke up" heißt es im Booklet, aber wenn diese Musik läuft, träumt man auch im Wachzustand. Acht fiese Ohrwürmer, die im Big Apple schlüpften und sich nach dem ersten Biss direkt ins Gehirn der Hörerschaft einnisteten. Der herrlichste Parasitenbefall ever, und selbst Inspektor Gadgets Mantel hätte nicht ausreichend Geheimfächer um diesen Ideenreichtum zu verstauen. Go-go-gadget-o-Prog-Metal!!

The Killing Hand
 
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07. Jethro Tull - Thick As A Brick (UK, 1972)

Als Vater einer musikaffinen Teenagertocher (14) rede ich mit meinem Nachwuchs oft über Musik. Mein „Problem“ dabei ist, dass mein Kind nicht meinen Geschmack teilt, sondern lieber modernen Pop hört, wie er zuhauf auf TikTok & Co. hochgeladen und von Millionen geliked wird. Natürlich habe ich schon mehrfach versucht, sie von handgemachter Musik zu überzeugen. Nicht, weil ich will, dass sie unbedingt Maiden, Fates Warning und Magnum gut findet, sondern weil ich sie von "echter" Kunst überzeugen will. Echte Gedanken, die von echten Menschen zu Papier, auf eine Leinwand oder aufs Griffbrett gebracht werden. Kein Chat GPT, kein Algorithmus, kein Fake. Doch leider komme ich damit nicht ganz bei ihr durch. Und wenn dann noch die ein oder andere ihrer Freundinnen zu Besuch ist, und ich gegen mehrere pubertierende Mädels gleichzeitig argumentieren muss, dann schwenke ich spätestens nach dem zweiten oder dritten "Der Sänger von Band xy ist aber soooo süß, den hab ich auf Instagram geaddet!" die weiße Fahne und verziehe mich mit einem gequälten Lächeln in mein Musikzimmer. Natürlich ist das stets ein nicht ganz ernst gemeintes, verbales Necken zwischen Vater und Tochter, aber hin und wieder beschäftigt es mich dann doch. Aber wie erklärt man als Erwachsener jungen Menschen, dass das nicht einfach nur Musik ist, was da aus den Boxen kommt, sondern ein ganz wichtiger Baustein der eigenen Spiritualität? Etwas, das man schon seit ganz vielen Jahren hört und genauso liebt wie am ersten Tag. Etwas, das einem in all den Jahren so viel gegeben hat und weiterhin geben wird. Sinnfindung, Wertevermittlung, Wellness für Kopf und Geist, der ganze geile Scheiss halt. Aber wieso schreibe ich das jetzt alles?

Nun, vor ein paar Monaten, als sich mal wieder so ein spaßiger "Mein Kram ist geiler als deiner!" Dialog entwickelte, zog ich "Thick As A Brick" aus dem Regal, legte die Platte auf, drückte meiner Tochter behutsam die Originalpressung in die Hände („Vorsicht bitte, das ist alt und wertvoll“, "Ja, ist ja gut. Du immer mit deinen ollen Platten"), klappte das Cover zur Zeitung aus, und ließ sie ein paar Minuten darin schmökern, während Jethro Tulls Musik im Hintergrund lief. Das Album und sein legendäres Packaging erschienen mir als perfekte Wahl um zu zeigen, wie man mit einfachen von Menschenhand erschaffenen Mitteln in eine andere Welt entführt werden kann. Nach einigen ruhigen und konzentrierten Minuten des Zuhörens kam die Frage "Ist das immer noch das selbe Lied?", woraufhin ich erklärte, dass das sogar ein einziger, knapp dreiviertelstündiger Song sei. Mein Kind, das mit zehnsekündigen Handyclips zum Wegswipen, Likes/Dislikes everywhere und Apps für alles mögliche aufwächst, fand das zunächst mal "awkward" und "cringe", aber dann folgte tatsächlich ein extrem cooles Gespräch über "Thick As A Brick", "meine" Musik, warum ich sowas höre und was es mit mir macht. Danach fand sie Tulls Musik zwar immer noch uncool, aber darum ging es mir ja nicht. Ich glaube, ich konnte einen Denkprozess anstoßen. Nur als es um die Texte des Albums ging, wurde es schwierig.

Denn was genau will Ian Anderson uns hier mit seinen Lyrics sagen? Will er uns überhaupt irgendwas sagen? Ist das alles vielleicht nur Kokolores eines eitlen und beleidigten Künstlers, der Publikum und Kritiker an der Nase herumführen will? Früher bin ich immer davon ausgegangen, dass er ziemlich viel sagt und dabei wenig sinnvollen Inhalt liefert. Ich dachte, er wolle den Hörer dazu verleiten, die Komplexität der Texte zu analysieren, nur um dann empört festzustellen, dass es im Endeffekt nur bedeutungsloser Blödsinn ist. Was mir beim Verständnis auch nicht half, war die wechselnde Erzählweise. Es ist ziemlich schwierig zu verstehen, wer sich in weiten Teilen des Songs an wen wendet, da der Blickwinkel scheinbar willkürlich zwischen der ersten, zweiten und dritten Person, sowie Singular und Plural wechselt. Im Netz gibt es diesbzgl. viele Anlaufstellen und Analysen, und jeder deutet das anders. Ich für meinen Teil habe die Story in etwa so verstanden: Ein junger Mann, der noch voller Elan und Träume ist und noch nicht vom System unterdrückt wurde, erkennt was in der Gesellschaft falsch läuft, und kann nicht glauben, dass die Älteren, also unsere Anführer, es nicht auch sehen bzw. sehen wollen. Ich gehe davon aus, dass Ian Anderson selbst dieser junge Mann ist und dass „Thick As A Brick“ seine Ansichten darüber veranschaulichen, was alles in der Welt falsch läuft. Dabei streift er so Themen wie Ethik und Moral, das Erwachsenwerden an sich, Liebe und Sex, Krieg und Frieden, liefert die obligatorische Systemkritik, und reflektiert sogar philosophisch über den Sinn des Lebens. Es ist wichtig zu verstehen, dass "thick as a brick" ein britischer Ausdruck ist, der jemanden beschreibt, der dumm ist. „And your wise men don't know hot it feels to be thick as a brick", das heißt, die sog. geistige Elite weiß nicht, wie es ist, dumm zu sein, oder vielleicht merkt sie einfach nicht, dass sie dumm ist, weil sie so von ihrer eigenen intellektuellen Überlegenheit überzeugt ist. Anderson stellt klar: es ist ihm egal, ob du ihm zuhörst, denn du würdest es sowieso nicht verstehen. Er könnte seinen Standpunkt niemals so überzeugend vertreten, dass er dich zum Verstehen bringen würde. Du magst die Musik vielleicht mögen, aber du verstehst nicht, worum es geht. Du hältst dich für so schlau und zivilisiert, aber in Wirklichkeit bist du nur ein Tier, das eben tierische Dinge macht und die hässliche Wahrheit hinter einer Fassade aus Zivilisation und Pseudo-Philosophie verbirgt. Dies alles passiert unter dem Deckmantel eines Gedichts des (fiktiven) achtjährigen Schuljungen Gerald Bostock, der für seine Arbeit ausgezeichnet wird, was die Headline der "St.Cleve Chronicle" Ausgabe darstellt, die wiederum das Artwork bildet. Faltet man die Zeitung aus, bekommt man auf zwölf großen Seiten ganz viele Artikel, die Lyrics, Rätsel, Anzeigen, etc. zu lesen. In vielen dieser Storys gibt es Querverweise auf das Schaffen der Band, aber auch zur Gerald Bostock Story selbst.

Anderson selbst gibt sich in Bezug auf die Texte und ihre Bedeutung seit jeher kryptisch. Er will das Album als satirische Reaktion auf die kritischen Pressestimmen zum Vorgänger "Aqualung" verstanden wissen. Aber auch als Seitenhieb auf Kollegen wie z.B. Genesis und Yes, die in ihren Songs immer mehr in Traumwelten wegdrifteten und dabei ihren Intellekt immer protziger zur Schau stellten. "Thick As A Brick" sollte das alles im Stile Monty Pythons auf die Spitze treiben um es so auf den Arm zu nehmen, wurde aber letztendlich selbst zu einer Art Vorzeigewerk davon. Das Leben gab Anderson Zitronen, er aber warf sie weg und erschuf ein Meisterwerk.

Dieses Album ist komplex, abwechslungsreich und kompositorisch brillant. Es variiert von sanften, akustischen Folk Passagen über uplifting Parts, bis hin zu aggressiven Abschnitten. Das Material ist weniger Riff-orientiert als auf den vorherigen Alben, das Zusammenspiel atemberaubend, die Drums spielen oftmals herrlich komplexe Patterns. Keyboarder John Evan war nun auch viel stärker im Bandsound involviert und integriert. Sein dominantes Orgelspiel ähnelt in Ton und Klang oft Tony Banks, wie ich finde. Andersons hervorragendes Flötenspiel ist ständig präsent und er war in dieser Phase der Band zweifellos einer der talentiertesten Musiker des Progressive Rock. Obwohl die Akustikgitarre nicht ständig präsent ist, erscheint es einem aber so, da sie in den charakteristischsten Gesangsparts eingesetzt wird und abrupte Stilwechsel innerhalb des Songs markiert. Während die Platte voller einprägsamer Gesangsmelodien ist, entfaltet sich die kompositorische Brillanz der Band erst richtig in den Instrumentalpassagen. Obwohl jede einzelne dieser Passage sehr kurz ist (die meisten dauern weniger als zwei Minuten), klingen sie aufgrund ihrer vielfältigen Instrumentierung, ihres melodischen und rhythmischen Einfallsreichtums und der Virtuosität der Musiker oft musikalisch abenteuerlicher als die Vocals. Manche dienen als Übergänge von einer Gesangspassage zur nächsten, manche zeichnen sich durch virtuose Soli einzelner Bandmitglieder oder der gesamten Band aus, manche bieten starke Kontraste und führen die Musik in neue Richtungen, und manche wiederholen und verstärken Elemente und Zitate aus vorherigen Abschnitten des Songs. Die Musik durchläuft viele Veränderungen, doch jedes Stück folgt organisch dem vorhergehenden, sodass sich die Platte tatsächlich wie ein einzelner Song anfühlt und nicht wie eine Suite.

"Thick As A Brick" ist ein volle-Punktzahl-Klassiker, der den Hörer jedes Mal aufs Neue herausfordert. Hier gibt es musikalisch und textuell so verdammt viel zu entdecken, dass ich Andersons "I wanted to create the mother of all concept albums" Statement ohne mit der Wimper zu zögern unterschreiben würde. Der Hörer selbst entscheidet, wie tief er abtauchen will, wieviel er dabei verstehen will. Zum Schluss nochmal eines von Andersons alten Zitaten, mit dem er sich auf die Erschaffung dieses Albums und seines Nachfolgers "A Passion Play" bezog: "I like an album that’s difficult to listen to. I like to have to sit down and really work into the music. A listener should make that effort. I don’t like music that kind of unconsciously gets your foot tapping. I could write that kind of music, but it’s just too easy. That’s using music as a tactical weapon to sell records. I think it’s important for the listener to feel that an effort has been made, that he has actually contributed in some way to the enjoyment for the music". Ob die heutige Jugend überhaupt in der Lage ist, diese Erfahrung zu machen? Ob sie es überhaupt will? Ich würde es mir wünschen, und bleibe weiterhin bei meiner Tochter und ihren Girls dran.

Thick As A Brick
 
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Jethro Tull begleiten mich schon ewig, aber immer nur ein bisschen; mein Augenmerk lag anderswo. Die "Thick as a Brick" dürfte sich aber noch in meinem Silberling-Restbestand befinden. Ich sollte mich dem Werk mal intensiver widmen.
Auch meine Mädels (22 & 23 Jahre alt) konsumieren vor allem kalten Konservenpop. Trotz sorgfältiger embryonaler Qualitätsbeschallung. Meinen Tipp, bei Liebeskummer könne die richtige Musik helfen, konnten sie nicht nachvollziehen. Sie nennen alles über 2:01 min Boomermusik.
 
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Zuerst mal Dank für die genialen Texte.......
Ja die Kinners, da kann man nix machen. Ich hatte meinen erstgeborenen Sohn (22) schon häufiger auf Konzerten dabei. Das gefällt ihm soweit alles ganz toll. Die Stimmung, die Menschen. Eigentlich alles.....bis auf die Musik, die ist im glaub ich vollkommen Jacke wie Hose. Wir haben jetzt Seether, The Dead Daisies, Avantasia, Powerwolf, Skid Row, Feine Sahne Fisch Filet (da iss er sogar Crowdgesurft) durch. Er geht auch immer mal wieder mit, aber nur wegen des Ereignisses, nicht wegen der Musik.
Und bei meiner Kleinen(16) iss es so, daß eher der Papa mit zu Sarah Conner, Joris und Pur (bbrrr) mitgeht
 
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06. Dream Theater - Images And Words (USA, 1992)

Dream Theater waren eine der ersten Formationen, die Prog Metal spielten, und sind nach knapp vier Jahrzehnten immer noch aktiv. Sie haben alle anderen Bands von damals hinter sich gelassen und fahren immer noch regelmässig große Erfolge ein. Fates Warning und Queensryche hatten auch ihre produktiven und goldenen Jahre, können aber schon seit vielen Jahren kommerziell gesehen nicht (mehr) mithalten. Dream Theater waren, sind und werden immer die Könige sein. Es gab aber eine Phase, da waren die fünf bzw. vier Genrekings aber mal sowas von mächtig angepisst.

Nachdem sich Portnoy, Petrucci, Myung und Moore im November 1989 endgültig von Charlie Dominici getrennt und kurz danach auch von Mechanic Records verabschiedet hatten, sollte es nämlich noch eine gefühlte Ewigkeit dauern, bis man den Fans ein neues Album präsentieren konnte. Die Suche nach einem geeigneten neuen Sänger zog sich mehr und mehr in die Länge, das Momentum des Debüts drohte verloren zu gehen. Das muss sich damals für die Band extrem beschissen angefühlt haben, hatte aber auch den Vorteil, dass die Jungs und ihr neues Material durch all die Proben und Songwriting Sessions immer tighter und besser wurden. "Images And Words" besaß dann glücklicherweise noch dieses ganz spezielle, räudig-furiose, total entfesselte Spiel einer jungen Band, pumpte aber aufgrund der durch zahlreiche Rehearsals gewonnen Erfahrungen auch eine Menge angestaute Wut UND Qualität hinein, sodass dabei als Ergebnis etwas total Außergewöhnliches rauskam. Ich mag solche Übergangsalben innerhalb einer Diskographie ja total, gerade in den early years, den Findungsjahren einer Band. Die "Awake" z.B. kann mich schon nicht mehr so wirklich überzeugen. Da klingen die New Yorker sowohl vom Songwriting, als auch vom kühlen Klangbild selbst schon viel zu weit entfernt vom in your face Sound ihrer frühen Jahre. Bekannterweise erwies sich LaBries Verpflichtung als Glücksfall und seine Performance auf "Images And Words" war dann auch durchgehend super. Er war das fehlende Puzzleteil um aus einer genialen Band DIE EINE Band zu machen, zu der alle anderen hochschauen. Ich kann die Male, in denen ich in den letzten über dreißig Jahren neue Bands hörte und dabei dachte „Wow, das haben sie bei Dream Theater geklaut“ gar nicht mehr zählen.

"When Dream And Day Unite" klang noch stark in den 80ern verwurzelt, aber auf dem Nachfolger lieferte die Band den Sound der Zukunft. Das Genre, welches jahrelang in the making gewesen war, rammte nun stolz die Prog Metal Fahne in den Boden und beanspruchte ein eigenes Reich. Das "Problem": Im Prinzip war im Progressive Metal schon alles mit "Images And Words" gesagt. Jeder Ton, jeder musikalische Moment, jeder Text dieses Albums diente fortan als Grundlage für dieses für uns alle hier ganz besondere Genre. Als ob alle progressiven Bands und Scheiben in den Jahren davor den Prog einen Berg hochgeschoben hatten, „Images And Words“ nun dessen funkelnde Spitze darstellte, und es danach auf der anderen Seite wieder langsam abwärts ging. Schon wenige Jahre nach seinem Peak, began der Prog Metal langsam aber sicher eher regressiv denn progressiv zu klingen, da immer mehr junge Musiker versuchten, dem Rezept dieses Meisterwerkes zu folgen, was mit sich zog, dass eine zeitlang immer weniger innovative Bands und Platten erschienen und wir von Rüschenhemden tragenden Freizeitpetruccis überschwemmt wurden. But let's go back to 1992.

Progressive Metal war schon immer ein eigenartiges und bizarres Subgenre in der riesigen Welt unser allseits geliebten Heavy Metal Musik. Inspiriert von vielen verschiedenen Einflüssen, präsentiert mit unterschiedlichen Herangehensweisen und Produktionen, ausgestattet mit den Elementen der Überraschung und Improvisation, dargeboten von mit überragenden technischen Fähigkeiten gesegneten Musikern. Diese erfrischende Kombi musste einfach gut ankommen. Dream Theater einten junge, (neu)gierige Fans mit erwachsenen Proghörern, die den Sound ihrer alten Helden aus den 70ern zu Teilen im Songwriting der New Yorker wiederfanden. Und "Images And Words" wurde dann auch das kommerziell erfolgreichste Album der Band, denn die großen Meister konnten alt und neu so überzeugend zusammenfügen, dass die nun stetig wachsende Zielgruppe mehr davon wollte. Dream Theaters Gabe, eingängig mit anspruchsvoll zu kombinieren wurde besonders bei den ersten beiden Tracks deutlich. Der Opener 'Pull Me Under' durchbrach damals die Grenzen der progressiven Musik, lief in heavy rotation auf MTV und lockte sicherlich viele zukünftige Progheads ins Land der schrägen Beats. Egal, wer oder was mich in meinem Leben gerade versuchte zu unterdrücken oder fertig zu machen, „Pull me under, I'm not afraid!“, ich steh wieder auf und trete dir in deinen Arsch. Mit "Images And Words" als Soundtrack und Dream Theater als meiner Marching Band - so zumindest habe ich das damals als junger Metaller empfunden. Das folgende 'Another Day' ist ein wunderbar sanfter Song, der ein hervorragendes Saxophon beinhaltet und dieses flawless in den relativ straighten Track integriert. Der Text über den Tod von Petruccis Vater geht zu Herzen und lässt den Song nochmal ein Stück näher Richtung Herz wandern, der emotionale Gesang passt perfekt. Gefühle wurden bei Dream Theater schon immer groß geschrieben, auch wenn sie sich neben all den technischen Kabinettstückchen oft mit der zweiten Geige begnügen mussten. Und besagte Technik gibt es hier natürlich zuhauf. 'Take The Time' liefert an dritter Stelle des Albums die ersten "krummen" Takte, einen sagenhaft catchy Refrain und Moores für mich bestes Solo, der instrumentale Part von 'Metropolis Part 1: The Miracle And The Sleeper' hat mit all seinen Wow-Effekten nicht nur mich endgültig zum Progger bekehrt, 'Under A Glass Moon' enthält eines von Petruccis besten Gitarrensoli und repräsentiert perfekt seinen einzigartigen Solostil aus den frühen 90ern. Waren auf dem Debüt die Keyboards noch sowas wie mein persönlicher Star, so besteigt der Mann mit seinem Instrument hier den Soundthron. Seine Gitarrenarbeit ist atemberaubend. Vom klaren, melodischen Intro bei 'Pull Me Under' über die rhythmisch komplexen Riffs in praktisch jedem Song, bis hin zu seinen beeindruckenden Soli – jede Note, die er auf dieser Platte spielt, erfüllt ihren Zweck, sitzt gefühlt am richtigen Platz und löst eine enorme emotionale Reaktion bei mir aus. Jedes Riff ist einprägsam und unterscheidet sich von den anderen, und das gilt auch für alle Melodien die er spielt.

Das Finale 'Learning To Live' stellt dann für mich den Höhepunkt der Platte (und der DT Frühphase) dar. Hier läuft alles zusammen, was in den Jahren davor mühsam optimiert und perfektioniert wurde. Wie die einzelnen Passagen sich Zeit nehmen um sich in voller Pracht zu entfalten, dann langsam und natürlich in den nächsten Abschnitt weitershiften, das muss man einfach lieben, ey. Gekrönt wird der Track von einem starken Text, der von John Myung verfasst wurde, und der das Gefühlsleben einer Person aufzeichnet, die sich scheinbar frisch mit dem AIDS Virus angesteckt hat. Fragen, Ängste, Widrigkeiten, aber am Ende auch Triumph - man muss nur lernen damit umzugehen. Deep stuff, gerade für Anfang der 90er, als die Krankheit in aller Munde war. Die Bassläufe in diesem Song sind phänomenal, auch wenn sie leider nicht mehr so klar wie auf dem Vorgängeralbum rauszuhören sind. Die Band triumphiert in allen Phasen dieses Songs, und wenn gegen Ende das Intro von 'Wait For Sleep' zitiert wird, dann zeigt das nochmal die kompositorische Eleganz und Brillanz des Fünfers. Dream Theater genossen eine klassische Ausbildung, und das merkt man ihrem Songwriting deutlich an. Die längeren Songs auf dieser Scheibe nehmen viele Wendungen und beziehen sich immer wieder auf sich selbst, aber auch auf andere Albumtracks, was sowohl rhythmische Variationen als auch melodische Kontinuität ermöglicht. Dabei liefert "Images And Words“ genau das, was sein Titel verspricht, nämlich Bilder und Wörter, untermalt mit fantastischer, genaugenommen der besten Musik, die man sich dazu vorstellen kann, und nimmt dich auf einem fliegenden Teppich mit auf die Reise durch die Universen deines eigenen Geistes. Dieses Album ist von der ersten bis zur letzten Note so verdammt perfekt, es ist un-fucking-glaublich!!

Learning To Live
 
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Mal für mich selbst markieren, weil ich denke, hier blümerante Tipps zu entdecken. Auch für unverproggte Ohren. Bin gespannt.
 
Auf jeden Fall. Und wenn du magst, teilst du uns dann hier deine Interpretation ...
So, ich habe das verregnete Pfingstwochenende genutzt, mich mit "Thick as a Brick" intensiver auseinanderzusetzen. Es gab gleich eine große Hürde: Wer - wie ich wider Erwarten - das Album nur als Stream nicht als CD oder Vinyl mit dazugehörigem Inlay besitzt, der kann zwar die Sahnetorte essen, aber nur ohne dazugehörigen Tortenboden und mit fehlender Deko.
Will sagen: Mich nur mit Andersons Lyrics zu befassen, hat mir deutlich einen der Nachteile des Streamens bewusst gemacht. Ich habe also recherchiert, was im "St. Cleve Chronicle"

(https://web.archive.org/web/2016091...nlightenment.com/THICKASABRICK/TAAB/INDEX.HTM)

so berichtet wird und mit diesem Wissen u.a. den Vergleich mit Monty Phytons (deren Satire ich kenne und liebe) erst nachvollziehen können. Deine Rezension war sehr informativ und hilfreich bei der Interpretation, danke dir. Nach meiner Auseinandersetzung mit den Hintergründen denke ich, dass Anderson im Songtext von sich spricht und Kritik daran übt, dass ihm nach einer freien Kindheit die Individualität genommen und er in die Konformität des Systems gepresst werden sollte, dessen Werte er nicht teilt (u.a. "...And the sandcastle virtues are all swept away...", "Teach him to play Monopoly and how to sing in the rain..."). Ich höre die Musik nun nicht mehr wie bisher als schöne, abwechslungsreiche, klassisch anmutende Rhapsodie, sondern verstehe, warum das Album ein Gesamtkunstwerk ist, Chapeau Jethro Tull.
Interessant fand ich übrigens den knapp einstündigen SWR-Podcast "Meilensteine", in dem das Album besprochen wird:
 
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05. Genesis - Foxtrot (UK, 1972)

Obwohl "Nursery Cryme" bei den Verkäufen hinter den Erwartungen zurückblieb und die Zuschauerzahlen bei Livegigs immer noch stagnierten, glaubten Genesis weiterhin voll und ganz an ihre Musik. Gleichzeitig war ihnen aber auch klar, dass noch mehr Initiative notwendig sein würde, um ein breiteres Publikum für sich zu gewinnen. Durch überraschend hohe Chartplatzierungen in Belgien und Italien kam die Band zu ihren ersten größeren Headlinergigs im Ausland, wo ei wie Superstars gefeiert wurden. Bei diesen Auftritten entwickelte sich Peter Gabriel endgültig zu einem selbstbewussten, erstklassigen Frontmann, der es verstand, das Publikum in Genesis' Fantasiewelten zu ziehen, während die restliche Band im Hintergrund zur Dramatik beitrug. Gabriels skurrilen Kurzgeschichten, die er zwischen den Songs erzählte, um der Band mehr Zeit für das Umstimmen ihrer Instrumente zu verschaffen, und seine fantasievollen Verkleidungen, die seine Texte und deren Bewohner veranschaulichten, begeisterten die Fans mehr und mehr. Der Sänger griff immer öfter und tiefer in die Kostümkiste und brachte so mehr Leben und Bewegung in die bis dahin statischen Liveshows der Truppe. Mehr noch, nachdem der Frontmann sein berühmtes rotes Kleid samt Fuchsmaske live zur Schau trug, verdoppelten sich die Absatzzahlen und Gagen der Band. „We'd be doing the same thing for three years and suddenly with the visuals we started getting attention. We were very surprised how easy it was to get to the front page of Melody Maker just by wearing a flower on your head“ gab Phil Collins damals zu Protokoll, nichts ahnend, dass dies ein paar Jahre später zur Trennung Gabriels führen würde. Presse und Fans fokusierten sich nämlich immer stärker auf den Frontmann und seine außergewöhnlichen Verkleidungen, was zur Folge hatte, dass sich die restlichen Musiker immer mehr nur als eine Art Begleitband vorkamen. So bildeten sich erste Risse im noch jungen Bandgefüge, die drei Jahre später in Gabriels Ausstieg gipfelten. Aber 1972 nahmen noch alle in der Band die Maskerade des Sängers in Kauf. Und „Foxtrot“ lieferte Gabriel dann auch ganz viel Stoff für seine Performances. Es gab Aliens, Hofnarren, Könige, Immobilienhaie, den Rattenfänger von Hameln....und ein ziemlich ausuferndes Abendessen.

DasAlbum war das bis dahin organischste der Band. Die Lieder fühlten sich noch akurater und stimmiger ausgearbeitet an als beim Vorgänger, der Sound war ausbalancierter, die einzelnen Instrumente wurden deutlicher wahrgenommen. Anders als zuvor war man nun hervorragend aufeinander eingespielt und hatte den eigenen Stil gefestigt. Und das war auch wichtig, denn es passiert sehr viel in den Songs. "Foxtrot" ist ein aufregendes, sehr melodramatisches Album mit viel Dynamik, Kontrast, Spannung und Fantasie. Genesis wurden Anfang 1972 immer noch als kleine Band gehandelt, obwohl ihre Musik mittlerweile bei weitem mehr war. "Nursery Cryme" hatte auf kreativem Niveau ziemlich hohe Maßstäbe gesetzt, und es war mehr als offensichtlich, dass etwas ganz Besonderes nötig sein würde, um die fünf Musiker auf die von ihnen herbeigesehnte nächste Stufe zu pushen.

Der Opener 'Watcher Of The Skies' startet mit zwei Minuten langsam anschwellendem Mellotronbombast, ehe eine eindringliche Stakkatofigur (die mich an Gustav Holsts 'Mars, The Bringer Of War' erinnert) übernimmt und Gabriel von einem Außerirdischen berichtet, der auf einer verlassenen und vollkommen verwüsteten Erde landet und sich fragt, wie es so weit kommen konnte. Haben die Menschen sich selbst zerstört, oder sind sie einfach nur weitergezogen, weil sie die Ressourcen des Planeten aufgebraucht hatten? Die treibenden Drums und der dazu passend pulsierende Bass tragen den (für Genesis Verhältnisse relativ straighten) Song mit ihrer donnernden Rhythmusarbeit fast alleine. Banks’ Spiel ist atemberaubend und unterstreicht seine Dominanz als führender Instrumentalist, während Rutherford sich endlich als wertvoller Bassist erweist und gemeinsam mit Collins ein kraftvolles Fundament bildet, das sie in den restlichen Songs beibehalten. Das Finale wird dann wieder von Mellotronklängen dominiert, der Besucher verlässt den Planeten und entschwindet in die unendlichen Tiefen des Alls.

Nach dieser düsteren Zukunftsvision entführt uns 'Time Table' mit seiner wunderschönen, barocken Melodie ganz weit zurück ins Mittelalter. Der tolle Text, der kurioserweise von einem Eichentisch (=Wortspiel im Titel) erzählt wird, beschwört Bilder von Rittern, Königen und Hoffnarren herauf und grübelt darüber nach, wie die Menschen sich in jedem Zeitalter den vorangegangenen Zivilisationen als überlegen betrachten, am Ende aber doch jeder im Tod gleichgestellt ist. Die Musik bleibt dabei durchgehend unaufgeregt, man könnte sogar das Wort Ballade in den Mund nehmen. Ich liebe es, wie die strukturell gesehen fast schon schlichte Nummer dramaturgisch geschickt als Kontrapunkt zwischen den furiosen Opener und das danach kommende, radikale 'Get'Em Out By Friday' gesandwicht wurde.

Besagtes 'Get'Em Out By Friday' handelt von gewissenlosen Mietspekulanten und ihren fiesen Praktiken. John Pebble, Chef der Immobiliengesellschaft Styx Enterprises, will um jeden Preis einige langjährige Mieter aus von ihm neu erworbenen Objekten raushaben um diese dann deutlich teurer an neue Kunden zu vermieten. Er beauftragt seinen Angestellten Mark „The Winkler“ Hall (to winkle = rauswerfen), die „menschlichen Altlasten“ bis spätestens Freitag an die Luft zu setzen. Hall setzt List und Gelder ein und kann die Bewohner, im Song vertreten durch Mrs. Barrow, umsiedeln – in einen anderen Wohnkomplex von Styx Enterprises. Zum Ende hin machen Musik und Text einen Zeitsprung ins Jahr 2012, also vierzig Jahre nach Release der Platte, wo das Problem der Wohnraumnot mit einer genetischen Begrenzung der Körpergrösse gelöst wird. „It is my sad duty to inform you of a four foot restriction on humanoid height“. So kann man noch mehr Menschen in Gebäude reinquetschen und noch mehr Geld verdienen. Absurde Sozialkritik a la Genesis, mit einem von der Leine gelassenen Gabriel, der mit seiner wie immer eigenartigen Erzählweise jede Rolle des Songs wunderbar glaubwürdig vorträgt. Das Lied ist von aggressiven Forderungen der Makler, aber auch hilfloser Traurigkeit der Mieterin durchzogen, die permanenten Stimmungswechsel werden instrumental glänzend untermalt und dargestellt. Jede der Figuren hat eine eigene Melodie und Stimmung. Mal brachial, mal dezent zeigt die Band, wie tight, eingespielt und kreativ sie damals war. Vom ersten Ton an glänzt der Track mit komplexen Arrangements und gegensätzlichen musikalischen Ideen. Rutherfords Spiel erreicht hier fast Chris Squire Niveau, was auf späteren Reissues noch besser zur Geltung kommt. Das hier ist kein Lied, das ist Hörspiel-Prog, wie er besser nicht geht.

Das folgende 'Can-Ultility And The Coastliners' wird viel zu selten erwähnt, wenn es um die besten Tracks der Gabriel-Ära geht. Trotz seiner bescheidenen Länge gelingt es dem Song, mit einigen sehr schönen Themen und Melodien absolut jede Seite der damaligen Bandphase einzufangen. Um den Text zu verstehen, muss man wissen: Coastliners = Küstenfahrer = Wikinger. Die Lyrics handeln vom dänischen Wikingerkönig Knut/Knud (ca. 995-1035), der nicht so richtig von den restlichen christlichen Anführern Europas akzeptiert wurde, da sie ihm heidnisches Denken und Handeln, sowie das Herumexperimentieren mit schwarzer Magie unterstellten. U.a. warfen sie ihm vor, im Bann mit dem Teufel zu stehen und dadurch die Gezeiten beherrschen zu können. Um diesen Vorwurf zu entkräftigen, ließ Knut seinen Thron an einem Strand aufbauen und wartete auf die Flut. Diese spülte Thron und König hinweg, was die Vorwürfe gegen den König entkräftigte. Knut kniete vor Gott, senkte sein Haupt und ward fortan von Seinesgleichen anerkannt. Toller Song, interessantes Thema, und alles so verdammt dicht und flüssig komponiert und dargeboten. Allein schon, wie das Mellotron mit seinem majästetischen Sound den aufs Wasser starrenden König symbolisiert, während die parallel laufende Bassfigur für den ansteigenden Pegel steht, das ist einfach fantasievoll umgesetzt.

Die ruhige, guitar only Nummer 'Horizons' ist dann ausschließlich Hacketts Baby. Hier darf er zeigen, was er drauf hat. Das macht er natürlich auch auf den restlichen Nummern, aber offensichtliche Solospots hat er nicht viele. Songwriting Credits übrigens auch nicht. Oft darf Hackett Gegenmelodien zu Banks spielen und bei den lauten Passagen der Lieder mit seiner Zwölfsaitigen für mehr Druck im Sound sorgen, dabei bleibt er aber meistens mehr Unterstützer denn Spotlighter. Tatsächlich dachte der Gitarrist damals darüber nach, die Band zu verlassen, da er sich kompositorisch den anderen unterlegen sah und sich nicht traute, mehr aus sich raus zu gehen, geschweige denn Material für das Album beizusteuern. Doch er konnte umgestimmt werden und blieb. Hier bei 'Horizons' bedient er sich eines Motivs von Johann Sebastian Bach und breitet mit seinen leisen Tönen auf der Akustischen den Audio-Teppich aus für das, was danach kommt....

....und das ist nichts anderes als die funkelnde Krone der Prog-Schöpfung. Einer DER Songs, die immer genannt werden, wenn es um Genrehighlights geht. Alle Progheads sind eingeladen, gesellen sich freudestrahlend zu Tisch und legen behutsam die Serviette auf den Schoß, denn 'Supper's Ready'. Was soll man über diese prallbrüstige, bedingungslos liebende Mutter aller Longtracks noch schreiben? Mit seiner musikalischen Breite, der einzigartigen Stimmung und den völlig abgedrehten Lyrics stellt der Song etwas ganz Besonderes dar. Obwohl weiterhin überwiegend Keyboard-lastig, kommt das gesamte Können und die Sounds der Band zum Vorschein. Gabriel hält das Ganze erneut mit seiner charakteristischen Erzählkunst und seinem unglaublichen Gespür für Intonation zusammen. Ob zartes Flüstern oder kratziger Überschwang – sein Gesang ist unübertroffen und einzigartig. Und auch bei den Texten zieht er alle Register. Im Prinzip handelt das in sieben Parts unterteilte Lied vom ältesten aller Themen, dem Kampf zwischen Gut und Böse, wobei die Geschehnisse mit ganz vielen kuriosen Details angereichert werden. Ein altes Ehepaar, griechische Mythologie, William Blake, die Offenbarungen des Johannes, übel gelaunten Pharaonen, und und und.

Mit dem akustischen 'Lover's Leap' Intro wird das Setting präsentiert, zu Beginn noch mit pastoralen und nachvollziehbaren Tönen und Lyrics. Als Inspiration diente Gabriel eine übernatürliche Erfahrung, die er zusammen mit seiner Frau in einer einsamen Waldhütte erlebte. Beim nächsten Teil 'The Guaranteed Eternal Sanctuary Man' ändern Text und Musik ihren Charakter, es wird düsterer, und hier steigt nun auch die komplette Band ein und bietet klassischen 70er Rock. Mit dem darauf folgenden Abschnitt 'Ikhnaton And Itsacon And Their Band Of Merry Men' wird dann mit einer epischen Schlacht ein erster dramatischer Höhepunkt erreicht. Der Bass schrammelt, die Drums klingen heavy, Hackett darf solieren, Banks feuert ein Arpeggio nach dem anderen ab. In 'How Dare I Be So Beautiful?' beklagt der Sänger dieses sinnlose Blutbad, während es beim exzentrischen 'Willow Farm' erneut zu einem krassen Stilwechsel kommt, als plötzlich ein Zugschaffner mit seiner Pfeife und einem lauten „All change!“ („Alle umsteigen!“) nochmals für einen kompletten Wechsel von Musik und Stimmung sorgt. Das Lied wird jetzt noch exzentrischer, die präsentierten Ideen springen wie kleine Kinder auf einem Trampolin wild durcheinander. Die fast schon schizophrene Kreativität Gabriels sprudelt hier aus ihm heraus, seine Hirnaktivität hätte damals bestimmt ganze Stadtviertel mit Licht versorgen können. Doch auch die Instrumentalisten setzen Duftmarken. Wie z.B. Banks, der bei 'Apocalypse In 9/8 (Co-Starring The Delicious Talents Of Gabble Ratchet)' mit einem seiner genialsten Solos überhaupt glänzen darf. Nüchtern betrachtet spielt er hier „nur“ Tonleitern hoch und runter, aber in Kombination mit dem im Titel angegebenen Rhythmus klingt das einzigartig und so böse wie beabsichtigt, und dadurch schlichtweg genial. Das Ende der Welt am Ende der Welt - Peak 70s Prog, ey. Im Finale 'As Sure As Eggs Is Eggs (Aching Men's Feet)' laufen dann die Fäden mehr oder weniger zusammen, das 'Lover's Leap' Motiv bekommt eine Reprise, während der Hörer damit beschäftigt ist, nach dem Sinn der Lyrics zu suchen. Dazu passt dann auch das aberwitzige Artwork, welches die Stimmung der Musik hervorragend einfängt. Im Netz gibt es zahlreiche Vesuche, den Text zu erklären, aber ganz egal, wie man die Story auch deutet, Armageddon klang nie schöner. Und Nerds fragen sich, ob die besungene, gerade untergegangene Welt jene ist, die zeitlich gesehen sehr viel später vom Außerirdischen des Openers besucht wird? Die Fantasie macht jedenfalls freiwillig Überstunden, und die Band lächelt währenddessen den Hörer schelmisch an - im Wissen, dass "Foxtrot" ihn nie wieder loslassen wird.

Get'Em Out By Friday
 
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mal wieder absolut fantastisch geschrieben @Pavlos :verehr: :verehr:

Das ist MEIN Genesis Album und war zusammen mit Close To The Edge (kommt sicher noch) mein Einstieg in den 70s Prog. Ich denke besser kann man nicht Einsteigen...

Freue mich schon drauf die Platte nochmal mit deinem Begleittext zu hören :)
 
Das Artwork ist so verdammt cool, dass es kein deepes Phallussymbol benötigt, sondern direkt mit einem richtigen Glied dient. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich es entdeckt habe, und eigentlich isses ja auch, ehem, Wurst, aber ich wollte unbedingt mal wieder das Wort "Glied" benutzen. Das finde ich nämlich putzig. Also das Wort jetzt. Hihihi....
 
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Das Artwork ist so verdammt cool, dass es kein deepes Phallussymbol benötigt, sondern direkt mit einem richtigen Glied dient. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich es entdeckt habe, und eigentlich isses ja auch, ehem, Wurst, aber ich wollte unbedingt mal wieder das Wort "Glied" benutzen. Das finde ich nämlich putzig. Also das Wort jetzt. Hihihi....
Ich bin maximal verwirrt und bitte um Aufklärung :D
 
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05. Genesis - Foxtrot (UK, 1972)

....und das ist nichts anderes als die funkelnde Krone der Prog-Schöpfung. Einer DER Songs, die immer genannt werden, wenn es um Genrehighlights geht. Alle Progheads sind eingeladen, gesellen sich freudestrahlend zu Tisch und legen behutsam die Serviette auf den Schoß, denn 'Supper's Ready'. Was soll man über diese prallbrüstige, bedingungslos liebende Mutter aller Longtracks noch schreiben? Mit seiner musikalischen Breite, der einzigartigen Stimmung und den völlig abgedrehten Lyrics stellt der Song etwas ganz Besonderes dar. Obwohl weiterhin überwiegend Keyboard-lastig, kommt das gesamte Können und die Sounds der Band zum Vorschein. Gabriel hält das Ganze erneut mit seiner charakteristischen Erzählkunst und seinem unglaublichen Gespür für Intonation zusammen. Ob zartes Flüstern oder kratziger Überschwang – sein Gesang ist unübertroffen und einzigartig. Und auch bei den Texten zieht er alle Register. Im Prinzip handelt das in sieben Parts unterteilte Lied vom ältesten aller Themen, dem Kampf zwischen Gut und Böse, wobei die Geschehnisse mit ganz vielen kuriosen Details angereichert werden. Ein altes Ehepaar, griechische Mythologie, William Blake, die Offenbarungen des Johannes, übel gelaunten Pharaonen, und und und.

Mit dem akustischen 'Lover's Leap' Intro wird das Setting präsentiert, zu Beginn noch mit pastoralen und nachvollziehbaren Tönen und Lyrics. Als Inspiration diente Gabriel eine übernatürliche Erfahrung, die er zusammen mit seiner Frau in einer einsamen Waldhütte erlebte. Beim nächsten Teil 'The Guaranteed Eternal Sanctuary Man' ändern Text und Musik ihren Charakter, es wird düsterer, und hier steigt nun auch die komplette Band ein und bietet klassischen 70er Rock. Mit dem darauf folgenden Abschnitt 'Ikhnaton And Itsacon And Their Band Of Merry Men' wird dann mit einer epischen Schlacht ein erster dramatischer Höhepunkt erreicht. Der Bass schrammelt, die Drums klingen heavy, Hackett darf solieren, Banks feuert ein Arpeggio nach dem anderen ab. In 'How Dare I Be So Beautiful?' beklagt der Sänger dieses sinnlose Blutbad, während es beim exzentrischen 'Willow Farm' erneut zu einem krassen Stilwechsel kommt, als plötzlich ein Zugschaffner mit seiner Pfeife und einem lauten „All change!“ („Alle umsteigen!“) nochmals für einen kompletten Wechsel von Musik und Stimmung sorgt. Das Lied wird jetzt noch exzentrischer, die präsentierten Ideen springen wie kleine Kinder auf einem Trampolin wild durcheinander. Die fast schon schizophrene Kreativität Gabriels sprudelt hier aus ihm heraus, seine Hirnaktivität hätte damals bestimmt ganze Stadtviertel mit Licht versorgen können. Doch auch die Instrumentalisten setzen Duftmarken. Wie z.B. Banks, der bei 'Apocalypse In 9/8 (Co-Starring The Delicious Talents Of Gabble Ratchet)' mit einem seiner genialsten Solos überhaupt glänzen darf. Nüchtern betrachtet spielt er hier „nur“ Tonleitern hoch und runter, aber in Kombination mit dem im Titel angegebenen Rhythmus klingt das einzigartig und so böse wie beabsichtigt, und dadurch schlichtweg genial. Das Ende der Welt am Ende der Welt - Peak 70s Prog, ey. Im Finale 'As Sure As Eggs Is Eggs (Aching Men's Feet)' laufen dann die Fäden mehr oder weniger zusammen, das 'Lover's Leap' Motiv bekommt eine Reprise, während der Hörer damit beschäftigt ist, nach dem Sinn der Lyrics zu suchen. Dazu passt dann auch das aberwitzige Artwork, welches die Stimmung der Musik hervorragend einfängt. Im Netz gibt es zahlreiche Vesuche, den Text zu erklären, aber ganz egal, wie man die Story auch deutet, Armageddon klang nie schöner. Und Nerds fragen sich, ob die besungene, gerade untergegangene Welt jene ist, die zeitlich gesehen sehr viel später vom Außerirdischen des Openers besucht wird? Die Fantasie macht jedenfalls freiwillig Überstunden, und die Band lächelt währenddessen den Hörer schelmisch an - im Wissen, dass "Foxtrot" ihn nie wieder loslassen wird.
Dieses Meisterwerk versüßt mir grade wieder den Tag. Danke für den tollen Text und die Inspiration :)
 
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05. Genesis - Foxtrot (UK, 1972)

Obwohl "Nursery Cryme" bei den Verkäufen hinter den Erwartungen zurückblieb und die Zuschauerzahlen bei Livegigs immer noch stagnierten, glaubten Genesis weiterhin voll und ganz an ihre Musik. Gleichzeitig war ihnen aber auch klar, dass noch mehr Initiative notwendig sein würde, um ein breiteres Publikum für sich zu gewinnen. Durch überraschend hohe Chartplatzierungen in Belgien und Italien kam die Band zu ihren ersten größeren Headlinergigs im Ausland, wo ei wie Superstars gefeiert wurden. Bei diesen Auftritten entwickelte sich Peter Gabriel endgültig zu einem selbstbewussten, erstklassigen Frontmann, der es verstand, das Publikum in Genesis' Fantasiewelten zu ziehen, während die restliche Band im Hintergrund zur Dramatik beitrug. Gabriels skurrilen Kurzgeschichten, die er zwischen den Songs erzählte, um der Band mehr Zeit für das Umstimmen ihrer Instrumente zu verschaffen, und seine fantasievollen Verkleidungen, die seine Texte und deren Bewohner veranschaulichten, begeisterten die Fans mehr und mehr. Der Sänger griff immer öfter und tiefer in die Kostümkiste und brachte so mehr Leben und Bewegung in die bis dahin statischen Liveshows der Truppe. Mehr noch, nachdem der Frontmann sein berühmtes rotes Kleid samt Fuchsmaske live zur Schau trug, verdoppelten sich die Absatzzahlen und Gagen der Band. „We'd be doing the same thing for three years and suddenly with the visuals we started getting attention. We were very surprised how easy it was to get to the front page of Melody Maker just by wearing a flower on your head“ gab Phil Collins damals zu Protokoll, nichts ahnend, dass dies ein paar Jahre später zur Trennung Gabriels führen würde. Presse und Fans fokusierten sich nämlich immer stärker auf den Frontmann und seine außergewöhnlichen Verkleidungen, was zur Folge hatte, dass sich die restlichen Musiker immer mehr nur als eine Art Begleitband vorkamen. So bildeten sich erste Risse im noch jungen Bandgefüge, die drei Jahre später in Gabriels Ausstieg gipfelten. Aber 1972 nahmen noch alle in der Band die Maskerade des Sängers in Kauf. Und „Foxtrot“ lieferte Gabriel dann auch ganz viel Stoff für seine Performances. Es gab Aliens, Hofnarren, Könige, Immobilienhaie, den Rattenfänger von Hameln....und ein ziemlich ausuferndes Abendessen.

DasAlbum war das bis dahin organischste der Band. Die Lieder fühlten sich noch akurater und stimmiger ausgearbeitet an als beim Vorgänger, der Sound war ausbalancierter, die einzelnen Instrumente wurden deutlicher wahrgenommen. Anders als zuvor war man nun hervorragend aufeinander eingespielt und hatte den eigenen Stil gefestigt. Und das war auch wichtig, denn es passiert sehr viel in den Songs. "Foxtrot" ist ein aufregendes, sehr melodramatisches Album mit viel Dynamik, Kontrast, Spannung und Fantasie. Genesis wurden Anfang 1972 immer noch als kleine Band gehandelt, obwohl ihre Musik mittlerweile bei weitem mehr war. "Nursery Cryme" hatte auf kreativem Niveau ziemlich hohe Maßstäbe gesetzt, und es war mehr als offensichtlich, dass etwas ganz Besonderes nötig sein würde, um die fünf Musiker auf die von ihnen herbeigesehnte nächste Stufe zu pushen.

Der Opener 'Watcher Of The Skies' startet mit zwei Minuten langsam anschwellendem Mellotronbombast, ehe eine eindringliche Stakkatofigur (die mich an Gustav Holsts 'Mars, The Bringer Of War' erinnert) übernimmt und Gabriel von einem Außerirdischen berichtet, der auf einer verlassenen und vollkommen verwüsteten Erde landet und sich fragt, wie es so weit kommen konnte. Haben die Menschen sich selbst zerstört, oder sind sie einfach nur weitergezogen, weil sie die Ressourcen des Planeten aufgebraucht hatten? Die treibenden Drums und der dazu passend pulsierende Bass tragen den (für Genesis Verhältnisse relativ straighten) Song mit ihrer donnernden Rhythmusarbeit fast alleine. Banks’ Spiel ist atemberaubend und unterstreicht seine Dominanz als führender Instrumentalist, während Rutherford sich endlich als wertvoller Bassist erweist und gemeinsam mit Collins ein kraftvolles Fundament bildet, das sie in den restlichen Songs beibehalten. Das Finale wird dann wieder von Mellotronklängen dominiert, der Besucher verlässt den Planeten und entschwindet in die unendlichen Tiefen des Alls.

Nach dieser düsteren Zukunftsvision entführt uns 'Time Table' mit seiner wunderschönen, barocken Melodie ganz weit zurück ins Mittelalter. Der tolle Text, der kurioserweise von einem Eichentisch (=Wortspiel im Titel) erzählt wird, beschwört Bilder von Rittern, Königen und Hoffnarren herauf und grübelt darüber nach, wie die Menschen sich in jedem Zeitalter den vorangegangenen Zivilisationen als überlegen betrachten, am Ende aber doch jeder im Tod gleichgestellt ist. Die Musik bleibt dabei durchgehend unaufgeregt, man könnte sogar das Wort Ballade in den Mund nehmen. Ich liebe es, wie die strukturell gesehen fast schon schlichte Nummer dramaturgisch geschickt als Kontrapunkt zwischen den furiosen Opener und das danach kommende, radikale 'Get'Em Out By Friday' gesandwicht wurde.

Besagtes 'Get'Em Out By Friday' handelt von gewissenlosen Mietspekulanten und ihren fiesen Praktiken. John Pebble, Chef der Immobiliengesellschaft Styx Enterprises, will um jeden Preis einige langjährige Mieter aus von ihm neu erworbenen Objekten raushaben um diese dann deutlich teurer an neue Kunden zu vermieten. Er beauftragt seinen Angestellten Mark „The Winkler“ Hall (to winkle = rauswerfen), die „menschlichen Altlasten“ bis spätestens Freitag an die Luft zu setzen. Hall setzt List und Gelder ein und kann die Bewohner, im Song vertreten durch Mrs. Barrow, umsiedeln – in einen anderen Wohnkomplex von Styx Enterprises. Zum Ende hin machen Musik und Text einen Zeitsprung ins Jahr 2012, also vierzig Jahre nach Release der Platte, wo das Problem der Wohnraumnot mit einer genetischen Begrenzung der Körpergrösse gelöst wird. „It is my sad duty to inform you of a four foot restriction on humanoid height“. So kann man noch mehr Menschen in Gebäude reinquetschen und noch mehr Geld verdienen. Absurde Sozialkritik a la Genesis, mit einem von der Leine gelassenen Gabriel, der mit seiner wie immer eigenartigen Erzählweise jede Rolle des Songs wunderbar glaubwürdig vorträgt. Das Lied ist von aggressiven Forderungen der Makler, aber auch hilfloser Traurigkeit der Mieterin durchzogen, die permanenten Stimmungswechsel werden instrumental glänzend untermalt und dargestellt. Jede der Figuren hat eine eigene Melodie und Stimmung. Mal brachial, mal dezent zeigt die Band, wie tight, eingespielt und kreativ sie damals war. Vom ersten Ton an glänzt der Track mit komplexen Arrangements und gegensätzlichen musikalischen Ideen. Rutherfords Spiel erreicht hier fast Chris Squire Niveau, was auf späteren Reissues noch besser zur Geltung kommt. Das hier ist kein Lied, das ist Hörspiel-Prog, wie er besser nicht geht.

Das folgende 'Can-Ultility And The Coastliners' wird viel zu selten erwähnt, wenn es um die besten Tracks der Gabriel-Ära geht. Trotz seiner bescheidenen Länge gelingt es dem Song, mit einigen sehr schönen Themen und Melodien absolut jede Seite der damaligen Bandphase einzufangen. Um den Text zu verstehen, muss man wissen: Coastliners = Küstenfahrer = Wikinger. Die Lyrics handeln vom dänischen Wikingerkönig Knut/Knud (ca. 995-1035), der nicht so richtig von den restlichen christlichen Anführern Europas akzeptiert wurde, da sie ihm heidnisches Denken und Handeln, sowie das Herumexperimentieren mit schwarzer Magie unterstellten. U.a. warfen sie ihm vor, im Bann mit dem Teufel zu stehen und dadurch die Gezeiten beherrschen zu können. Um diesen Vorwurf zu entkräftigen, ließ Knut seinen Thron an einem Strand aufbauen und wartete auf die Flut. Diese spülte Thron und König hinweg, was die Vorwürfe gegen den König entkräftigte. Knut kniete vor Gott, senkte sein Haupt und ward fortan von Seinesgleichen anerkannt. Toller Song, interessantes Thema, und alles so verdammt dicht und flüssig komponiert und dargeboten. Allein schon, wie das Mellotron mit seinem majästetischen Sound den aufs Wasser starrenden König symbolisiert, während die parallel laufende Bassfigur für den ansteigenden Pegel steht, das ist einfach fantasievoll umgesetzt.

Die ruhige, guitar only Nummer 'Horizons' ist dann ausschließlich Hacketts Baby. Hier darf er zeigen, was er drauf hat. Das macht er natürlich auch auf den restlichen Nummern, aber offensichtliche Solospots hat er nicht viele. Songwriting Credits übrigens auch nicht. Oft darf Hackett Gegenmelodien zu Banks spielen und bei den lauten Passagen der Lieder mit seiner Zwölfsaitigen für mehr Druck im Sound sorgen, dabei bleibt er aber meistens mehr Unterstützer denn Spotlighter. Tatsächlich dachte der Gitarrist damals darüber nach, die Band zu verlassen, da er sich kompositorisch den anderen unterlegen sah und sich nicht traute, mehr aus sich raus zu gehen, geschweige denn Material für das Album beizusteuern. Doch er konnte umgestimmt werden und blieb. Hier bei 'Horizons' bedient er sich eines Motivs von Johann Sebastian Bach und breitet mit seinen leisen Tönen auf der Akustischen den Audio-Teppich aus für das, was danach kommt....

....und das ist nichts anderes als die funkelnde Krone der Prog-Schöpfung. Einer DER Songs, die immer genannt werden, wenn es um Genrehighlights geht. Alle Progheads sind eingeladen, gesellen sich freudestrahlend zu Tisch und legen behutsam die Serviette auf den Schoß, denn 'Supper's Ready'. Was soll man über diese prallbrüstige, bedingungslos liebende Mutter aller Longtracks noch schreiben? Mit seiner musikalischen Breite, der einzigartigen Stimmung und den völlig abgedrehten Lyrics stellt der Song etwas ganz Besonderes dar. Obwohl weiterhin überwiegend Keyboard-lastig, kommt das gesamte Können und die Sounds der Band zum Vorschein. Gabriel hält das Ganze erneut mit seiner charakteristischen Erzählkunst und seinem unglaublichen Gespür für Intonation zusammen. Ob zartes Flüstern oder kratziger Überschwang – sein Gesang ist unübertroffen und einzigartig. Und auch bei den Texten zieht er alle Register. Im Prinzip handelt das in sieben Parts unterteilte Lied vom ältesten aller Themen, dem Kampf zwischen Gut und Böse, wobei die Geschehnisse mit ganz vielen kuriosen Details angereichert werden. Ein altes Ehepaar, griechische Mythologie, William Blake, die Offenbarungen des Johannes, übel gelaunten Pharaonen, und und und.

Mit dem akustischen 'Lover's Leap' Intro wird das Setting präsentiert, zu Beginn noch mit pastoralen und nachvollziehbaren Tönen und Lyrics. Als Inspiration diente Gabriel eine übernatürliche Erfahrung, die er zusammen mit seiner Frau in einer einsamen Waldhütte erlebte. Beim nächsten Teil 'The Guaranteed Eternal Sanctuary Man' ändern Text und Musik ihren Charakter, es wird düsterer, und hier steigt nun auch die komplette Band ein und bietet klassischen 70er Rock. Mit dem darauf folgenden Abschnitt 'Ikhnaton And Itsacon And Their Band Of Merry Men' wird dann mit einer epischen Schlacht ein erster dramatischer Höhepunkt erreicht. Der Bass schrammelt, die Drums klingen heavy, Hackett darf solieren, Banks feuert ein Arpeggio nach dem anderen ab. In 'How Dare I Be So Beautiful?' beklagt der Sänger dieses sinnlose Blutbad, während es beim exzentrischen 'Willow Farm' erneut zu einem krassen Stilwechsel kommt, als plötzlich ein Zugschaffner mit seiner Pfeife und einem lauten „All change!“ („Alle umsteigen!“) nochmals für einen kompletten Wechsel von Musik und Stimmung sorgt. Das Lied wird jetzt noch exzentrischer, die präsentierten Ideen springen wie kleine Kinder auf einem Trampolin wild durcheinander. Die fast schon schizophrene Kreativität Gabriels sprudelt hier aus ihm heraus, seine Hirnaktivität hätte damals bestimmt ganze Stadtviertel mit Licht versorgen können. Doch auch die Instrumentalisten setzen Duftmarken. Wie z.B. Banks, der bei 'Apocalypse In 9/8 (Co-Starring The Delicious Talents Of Gabble Ratchet)' mit einem seiner genialsten Solos überhaupt glänzen darf. Nüchtern betrachtet spielt er hier „nur“ Tonleitern hoch und runter, aber in Kombination mit dem im Titel angegebenen Rhythmus klingt das einzigartig und so böse wie beabsichtigt, und dadurch schlichtweg genial. Das Ende der Welt am Ende der Welt - Peak 70s Prog, ey. Im Finale 'As Sure As Eggs Is Eggs (Aching Men's Feet)' laufen dann die Fäden mehr oder weniger zusammen, das 'Lover's Leap' Motiv bekommt eine Reprise, während der Hörer damit beschäftigt ist, nach dem Sinn der Lyrics zu suchen. Dazu passt dann auch das aberwitzige Artwork, welches die Stimmung der Musik hervorragend einfängt. Im Netz gibt es zahlreiche Vesuche, den Text zu erklären, aber ganz egal, wie man die Story auch deutet, Armageddon klang nie schöner. Und Nerds fragen sich, ob die besungene, gerade untergegangene Welt jene ist, die zeitlich gesehen sehr viel später vom Außerirdischen des Openers besucht wird? Die Fantasie macht jedenfalls freiwillig Überstunden, und die Band lächelt währenddessen den Hörer schelmisch an - im Wissen, dass "Foxtrot" ihn nie wieder loslassen wird.

Get'Em Out By Friday

Eines meiner unverzichtbaren Alben für die einsame Insel, mindestens Top 5 überhaupt.

Übrigens auch das Lieblingsalbum von Steve Harris. In jeder Hinsicht eine perfekte Platte, die ganze Band ist in absoluter Höchstform.

@Pavlos : Wunderbar beschrieben. Gänsehaut
 
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04. Dream Theater - Metropolis Pt.2: Scenes From A Memory (USA, 1999)

Das beste Prog Metal Album aller Zeiten!!

….und ich bin zu 100% davon überzeugt, dass diese Aussage auch die Zukunft mit einschließt, denn, machen wir uns nichts vor, Prog Metal geht einfach nicht besser als auf "Metropolis Pt.2: Scenes From A Memory“. Nicht nur, dass die Band hier (nach einem kleinen Durchhänger mit "Falling Into Infinity") das Gott-Level ihrer ersten beiden Scheiben erreicht, nein, sie übertrifft es meiner Meinung nach sogar. Und zwar mit einer Rückbesinnung auf ihre alten Tugenden und einer für diesen Schritt ganz wichtigen Scheissegal-Haltung. Dass sich die New Yorker dabei im Vorfeld von ihrer Plattenfirma trennen und Portnoy mit Petrucci die Aufnahmen leiten, kommt dem Ergebnis sehr zugute. Vom "Close your eyes and begin to relax..." des Therapeuten zu Beginn, bis hin zu seinem "Open your eyes, Nicholas!" Plot-Twist am Ende des Albums (einer der zahlreichen "I see what they did there" Momente), das hier ist pures Audiogold ohne Kratzer a.k.a. Meilenstein a.k.a. Referenzwerk a.k.a. Gamechanger.

Der gewohnte Mix aus überragenden technischen Fähigkeiten und kompositorischer Genialität wird hier mit einer packenden Story erweitert, und katapultiert den Hörer direkt ins Prog-Wunderland. Hier stimmt nicht nur die Musik, hier wurde auch eine Art (Murder Mystery Psychothriller?) Geschichte ersonnen, die mit ihren Themen von Reinkarnation, Schuld und Erlösung auf mehreren Zeitebenen spielt, und unglaublich viele Details zum Rein-Nerden liefert. Allein schon der von der Band betriebene Zweitaufwand, sich hinzusetzen und all die Details und Easter Eggs der Story schlüssig und zu jeder Sekunde packend in und mit der Musik zusammenzufügen, lässt mein Proggerherz bis zum Anschlag pochen. Musikalische Themen, gerne auch aus 'Metropolis Pt.1: The Miracle And The Sleeper', kehren immer wieder zurück, kreuzen sich lasziv und laufen zusammen und/oder auch mal aneinander vorbei. Der Zusammenhalt der einzelnen Tracks geht trotz der musikalischen Dichte und Komplexität nie verloren, die Spannungsbögen mit all ihren verschiedenen Stilen funktionieren einwandfrei. Das muss man auf eine Dauer von knapp 77 Minuten auch erstmal hinbekommen. Ich liebe es, wie sich Musik und Handlung in ständiger Balance bewegen, das kriegen nicht viele sog. Konzeptscheiben hin. Ich liebe es, wie man sich jahrelang mit dem Stoff beschäftigen kann (es gibt YouTube Videos, auf denen Portnoy die Takte der einzelnen Tracks mitzählt und über deren Sinn und "Unsinn" referiert), und immer noch über Neues stolpert (es gibt/gab eine Homepage, auf der alle Details der Songs nebst Partituren nachzulesen sind/waren). Ich liebes es, diese Scheibe abgöttisch zu lieben. Die Musiker agieren alle auf atemberaubend hohem Niveau, die Unsicherheiten des Vorgängeralbums sind passé, hier ist eine Band zu hören, die zu 100% sie selbst sein will und kann. Hervorheben möchte ich Jordan Rudess, der hier sein Debüt gibt, und mit seinen vielseitigen Arrangements dem Bandsound eine neue Dimension hinzufügt.

Wenn wir Besuch haben und ich gefragt werde, was denn genau ich für Musik höre, gibt es zwei Möglichkeiten. Will ich die Person erschrecken, läuft Venom. Will ich sie beeindrucken, spiele ich 'Dance Of Eternity' vor. Der Sound kommt trocken und druckvoll, die Instrumente sind klar rauszuhören, die Dynamik der Musik kann sich voll entfalten. Für mich stellt diese Klangästhetik die Benchmark für diese Art Musik dar. "Scenes From A Memory" klingt lebendig und menschlich, und nicht nach seelenloser copy and paste Zumutung, wie wir sie heutzutage, auch im Prog, leider viel zu oft serviert bekommen. Über die Songs selbst muss ich nichts weiter schreiben, dieses Album sollte bei allen hier als unumstößlicher Klassiker gesetzt sein und ist logischerweise auch in vielen Listen vertreten. Wenn wir die Platte mit leckerer, frischer, gesunder Milch gleichsetzen, dann greifen Hörer dieses Albums nicht nur zu einem Glas Milch, nein, sie stellen sich gleich eine ganze Kuh ins Wohnzimmer. #muhtropolis

PS: On a personal note, will ich noch kurz erwähnen, dass ich damals den Erstdurchlauf in meiner Badewanne genossen habe. Ein warmes Schaumbad, ein Glas Orangensaft (mit Fruchtfleisch), eine Tafel Milka Noisette (durch die Temperatur im Bad leicht angeschmolzen, so mag ich sie am liebsten) und der portable CD Player, das war alles, was es brauchte. Unser damaliger Nachbar arbeitete im Media Markt Mannheim und besorgte mir die CD ein paar Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart. Zu meiner Überraschung bekam ich von ihm die amerikanische Importvariante in die Hand gedrückt. Die Ami-Sachen hatten damals oft am oberen Rand diese blöden und hartnäckigen Aufkleber samt Metalstreifen am Rand, und genau den habe ich nicht beachtet als ich euphorisch die Folie abreißen wollte, was zur Folge hatte, dass ich mich dabei leicht verletzte. Die Blutung konnte ich schnell beruhigen, aber das warme Badewannenwasser ein paar Minuten später war für die Wundheilung natürlich kontraproduktiv. Aber wer weiß, vielleicht haben die paar Tropfen Blut im Wasser so'ne Art transzendentales Ritual losgetreten, bei dem die Musik und ich ein Leben lang aneinander gebunden wurden?!

PPS: On an even more personal note, und dann ist wirklich Schluss, will ich auch noch kurz über meinen Kumpel Malcolm erzählen. Wir haben ungefähr zur selben Zeit, das muss so Ende '90/Anfang '91 gewesen sein, mit American Football angefangen und schnell bemerkt, dass nicht nur Sport, sondern auch (Prog) Metal eine Gemeinsamkeit war. Zusammen fuhren wir zum Training, hingen oft stundenlang (und Musik hörend) miteinander ab und besuchten das ein oder andere Konzert (Psychotic Waltz in Heidelberg und Riot, Agent Steel, Anvil und Domine in Stuttgart, um ein paar Beispiele zu nennen). Vor jedem Spiel hörte ein Großteil der Mannschaft immer Hip Hop (wir hatten sehr viele Afroamerikaner von der US Army im Team), lediglich eine handvoll Spieler versammelte sich in einer Ecke und lauschte "härteren" Sachen wie Metallica ('Search And Destroy'), Suicidal Tendencies ('You Can't Bring Me Down') und Judas Priest ('Painkiller'). Malcolm und ich hatten ein paar Mal versucht, den Jungs Dream Theater und Queensryche schmackhaft zu machen, aber die "ungeraden" Takte passten dann doch nicht wirklich in die aufgeheizte Pregame-Stimmung. Was Malcolm und mich natürlich nicht davon abhielt, "unsere" Dream Theater weiterhin bei jeder sich bietenden Gelegenheit massiv abzufeiern. Egal, ob auf den Fahrten zum Training und zu den Spielen, beim Cruisen durch die City, vor dem Discobesuch oder im gemeinsamen Urlaub - Dream Theater war immer Pflicht. Sie waren die Könige, durch sie fühlten wir uns königlich. Tja, und dann kam das Jahr 2000, wo wir am Ende der Saison um den Aufstieg in die erste Liga spielten. "Scenes From A Memory" kannten Malcolm und ich schon längst in- und auswendig, es war seit ein paar Monaten draußen und gefühlt unser Soundtrack des sportlich erfolgreichen Jahres. Wir hatten sogar mal zu dritt (wir zwei plus meine jüngere Schwester, die keine Ahnung von Metal hat und von etlichen Fragezeichen über ihrem Kopf umzingelt war) eine Lesung durchgeführt, was nicht wirklich funktionierte, aber unglaublich viel Spaß machte. Zwei Wochen vor dem Spiel dann der Schock, Malcolm wachte eines morgens nicht mehr auf. Herzversagen. Ohne Vorwarnung, ohne Vorerkrankung, einfach so. Das war so unfassbar, so undenkbar, so unwirklich, dass ich immer noch, also knapp ein Vierteljahrhundert später, damit überfordert bin, wenn ich daran denke. Die gesamte Mannschaft stand damals neben sich und wir haben das Spiel auch verloren, aber das war damals natürlich allen egal, zu schwer saß der Schock. Abends versammelten sich ein paar von uns auf unserem Trainingsgelände und tauschten Geschichten über Malcolm aus. Ich hatte den oben in der Badewannenstory erwähnten CD Player mit Batterien gefüttert, und drei Mal dürft ihr raten, welche CD er u.a. abspielte. Die meisten Anwesenden achteten natürlich nicht auf die Musik, aber für mich war das wie ein persönlicher, stiller Tribut an meinen Kumpel. Und so ist es immer noch, denn jedes Mal, wenn zu Beginn des Albums das Ticken ertönt, muss ich an jene Zeit zurückdenken, is' einfach so, kannste nix machen. Bei allem was mir heilig ist (Familie, Musik, Nutella), das hat sich alles so abgespielt, und natürlich würde die Scheibe auch ohne diese Story auf meiner Vier stehen, aber es ist halt etwas, das ich automatisch mit "Scenes From A Memory" assoziiere, ergo musste es hier mit rein. So, und jetzt back to the music:

Dance Of Eternity
 
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