Threshold - March of Progress (GB, 2012)
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass Mac nach dem Erscheinen von "Dead Reckoning" einfach mal so seinen Ausstieg bekannt gab. Und ich kann mich gut daran erinnern, wie ich mit meiner Frau anno 2007 zur Tour zu diesem Album vor der Matrix in Bochum stand und plötzlich kam da so ein Zottel angejoggt und begrüßte einfach mal jeden, der da so rumstand. Meine Frau wollte wissen, wer denn das nun sei - und ich stellte ihr Damian vor. So gut das halt ging in ein paar Sekunden, denn der Mann war ja in Eile! "Aha, das ist also der Sänger", sagte sie. Wir waren relativ frisch liiert, von daher gab es für uns seinerzeit Wichtigeres als die Querelen im Bandgefüge von Britanniens großartigster Prog-Metal-Band. Was mich aber viel mehr irritierte: war das der gleiche Typ, der auf der "Extinct Instinct"-Tour wie ein Fremdkörper auf der Bühne rumgestanden hatte, Kopf gesenkt, Mikro in der Hand? Der Typ, der nach dem Konzert backstage auf eben jener Tour auf Tauchstatiton gegangen war, während ein bestens aufgelegter Joanne James (damals neu...) am liebsten wohl auch noch meine Unterholse signiert hätte? Fragen über Fragen....
Wer dabei war seinerzeit, der weiß, wovon ich spreche: in welchen Topf Mr. Wilson auch immer gefallen war in den letzten 10 Jahren, er verpasste der Show von Threshold einen massiven Tritt in den Allerwertesten. Das war kein Konzert, das war ein Abriss - und ich glaube, meine Frau hätte Damian auch direkt nach dem Konzert heiraten wollen. Das aber nur am Rande.
Da schnell die Runde machte, dass Damian nun bei Threshold seinen 3. Anlauf nehmen würde bin ich in Sachen Wartezeit auf "March of Progress" regelrecht verrückt geworden: fünf lange Jahre! Als "March of Progress" dann pünktlich zum Erscheinungstermin den Weg in meinen Player fand kam ich aus dem Staunen nicht heraus: die Band hatte es geschafft, ihre komplette Vergangenheit in 10 regelrecht überirdischen Songs zu bündeln! Elemente eher vetrackterer Werke wie "Extinct Instinct" oder "Wounded Land" gaben sich die Klinke in die Hand mit der gern als poppig-melodös geschimpften Ausrichtung des Vorgängeralbums oder Teilen von "Hypothetical" und/oder "Subsurface" - wohlwissend, dass die Band beide Elemente bis zur Perfektion beherrscht und wie kaum eine 2. in Szene zu setzen vermag. Nach einem typisch-melodiösen Threshold-Opener ("Ashes"), der wie eine Weiterentwicklung von "Mission Profile" (einem der perfektesten Songs aller Zeiten) wirkt folgt Perle auf Perle und Threshold vermeiden jegliche Form der Überzuckerung und trauen sich, auch verquere Elemente zu verbauen, nur kurzzeitig vom ganz phantastischen "The Hours" unterbrochen, das man getrost als "geradlinig" titulieren darf.
"March of Progress" ist ein Meisterwerk, ein Referenzalbum, das geschrieben wurde, um Menschen wie mir (die einfach diese Melodie-Prog-Verbindung brauchen) das zu bieten, was immer und immer funktioniert, was dennoch zu jeder Sekunde zu fordern vermag, dazu diese durchweg intelligenten Lyrics mit typisch britischem Anstrich. Und, ja, Damian macht hier klar deutlich, warum er so wichtig für die Band war - ohne seine Vorgänger/Nachfolger zu schmälern: sowohl Mac als auch Glynn haben "AOR-Stimmen", qualitativ hochwertig und zu jeder Zeit auch gut in Szene gesetzt für und mit der Band, Wilson aber ist der Unterschied, der letztlich aus guten Songs noch mehr herausholt, einen ganz besonderen Ausdruck setzt, die Spur tonaler Jon Anderson im Progmetalrockmix.
Für dieses Album hat sich die Band etwas getraut, ihre Komfortzone (in er man es sich nach dem eher "leichter verdaulichen" Vorgänger hätte bequem machen können), stattdessen gibt es gewagtere Prog-Ausflüge wie "Return of the Thought Police" oder ""Liberty, Complacency, Dependency", die klingen, als würden sie eigentlich auf ein Progrockalbum der 70er mit Metalanstrich gehören - und das strahlt bereits das Cover aus. Die zarte Ballade "That's why we came", der Abriss "Don't look down" oder die überirdische Überquerung des Rubicon zum Ausklang - es kann nur ein "March of Progress" geben. Und ich kann mir vorstellen, dass man gut 4 Jahre daran werkelt, ein derart ausgewogenes Album auszuknobeln.