"Und...watt hörste für Mucke, Kleener?"
Bei MTV lief "Slim Shady" von Eminem und von den Sofas um mich herum starrten mich zehn Augen erwartungsvoll an.
Was hörte ich?
Ich hatte `ne Kassette von meinem Eltern. Die hatten sie irgendwann aufgenommen.
"Loco-Motion" von Kylie Minogue, "I`ll be there" von The 4 Tops waren drauf und `n Song der "Bappe hooo wapp, bappe hoo" oder so heißen musste.
Außerdem hatte ich drei CDs über die letzten drei Jahre geschenkt bekommen: "Flugzeuge in meinem Bauch" von Oli P., ein Album von der Bloodhound Gang und `ne Punk-Best-Of.
Außerdem hatte ich mir "13" von den Ärzte und "Unsterblich" vonne Toten Hosen aus der Bibliothek ausgeliehen, war aber noch unschlüssig.
Also zuckte ich nur mit den Schultern.
Denn Musik - Musik war irgendwie da...aber das war`s dann auch.
Meine beiden älteren Cousins und deren Kumpels hingegen, die wussten, was sie
hörten. (Slim Shady, Samy Deluxe und Co.)
Um sich `nen Reim auf mein Schulterzucken zu machen, zappten sie wie wild durch die karge Musiklandschaft aus drei Sendern, die das deutsche Fernsehprogramm so zu bieten hatte, damals kurz nach der Jahrtausendwende.
"Sowatt?" - Nee.
"Sowatt?" - Nee.
"Sowatt?" - Es lief Kid Rock. Hmm. Schon eher.
"Sowatt?" - Crawling, Linkin Park. Das war`s: "Ja, sowas hör ich."
Kurze Zeit später zappelte ich zum Musikladen neben Kaufland und kaufte mir mein erstes taschengeldfinanziertes Album.
"Hybrid Theorie".
...und ganz langsam fing ich an zu raffen, was es mit dieser Musikhörerei auf sich hatte, von der alle um mich herum sprachen.
Auf dem Schulhof hörte ich, dass ich den Radiosender Project 89.0 hören sollte.
Machte ich. Zum Einschlafen.
Und erschreckte mich, als mich plötzlich der "Lord Of The Boards" (Guano Apes) mit seinem unheilvollen Intro wieder aus dem Schlaf riss...
Dieses Intro war es auch, das mich langsam checken ließ, dass da noch mehr auf mich wartete.
Und dieses Mehr, das da wartete, zeigte sich an dem Tag, als ich mit meinem besten Kumpel das Musikvideo zu "Teenage Dirtbag" sah.
Während er das frenetisch abfeierte, versuchte ich herauszufinden, was da genau gesungen wurde.
Iron Main? Iron Meijenn? Iron Maiden!
Da auf dem Shirt, da stand`s doch!
Eine CD von denen hatte ich doch sogar schon mal in der Bibliothek gesehen.
Also musste ich da am nächsten Tag schon wieder hin.
Und kam nach zwei Minuten mit der ersten Iron Maiden-CD wieder raus, die ich je hören würde.
...einem Tribut-Album.
Bestehend aus Rocksongs und Musik, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte: Black Metal und Death Metal.
Nur, dass ich nicht wusste, was Black und Death Metal waren.
Und vor allen Dingen, dass da absolut jede Band auf dem Album spielte.
Nur nicht Iron Maiden!!!
Ich zeichnete das gruselige Gesicht auf dem Cover ab, ließ mich immer weiter reinziehen, in diese heftige Musik...und konnte kaum schlafen.
Immer wieder stampfte mir "Six...Six...Six...The Number Of The Beast!" durch den Kopf.
Als ich am nächsten Tag zur Schule ging, war`s irgendwie anders.
Ich fühlte mich, als gehörte ich plötzlich nicht mehr zum Rest meiner Klasse.
Niemand....niemand von ihnen hatte schließlich am Abend zuvor so eine krasse Musik gehört!
Und niemand von ihnen würde verstehen, dass diese Musik aus einer anderen Welt stammte!
Und so forschte ich mich zunächst alleine rein, in diese andere Welt.
(Und auch erst mal, ohne ein weiteres Iron Maiden-"
Album" zu finden. "Bestimmt gibt`s die gar nicht mehr.")
Mein Vater, der zu DDR-Zeiten AC/DC und Led Zeppelin gehört hatte - "Loco-Motion", "Bappe hooo wapp" ....aha, nee klar!!! - half mir dann wenig später mit einem weiteren Bandnamen auf die Sprünge, nach dem ich die CD-Abteilung der Bibliothek durchforsten konnte:
Deep Purple.
Und in der Nähe zu "In Rock" fand ich noch zwei Best-Ofs von Black Sabbath und Judas Priest, nicht weil ich die Namen kannte, sondern weil die Cover dazu vielversprechend aussahen!
Und jetzt kommt das besondere Schlüsselerlebnis, das, worauf ich die ganze Zeit hinaus will:
Zeitzoom! Woom! Zurück ins Jahr 2001:
Das Cover vom Judas Priest-Best Of sieht am heftigsten aus.
Ich schmeiße also "Metal Works" zuerst in die große Stereo-Anlage im Wohnzimmer.
Ich höre, wie sich die CD langsam zu drehen beginnt.
Ich drehe den Lautstärkeregler nach oben.
...und dann plötzlich dreht sich der ganze Raum!
Heilige Scheiße!!!! Was ist das denn?!!!!!!!!!!
"The Hellion"...abgelöst von "Electric Eye"!
Keine Ahnung, warum es genau diese Kombination war - aber das Gefühl, was sich in mir beim Hören dieser Songs ausbreitete, war noch außerweltlicher als alles außerweltliche, was ich bereits die Wochen zuvor erfahren hatte.
Beim letzten Song, "Night Crawler", riss es mich dann komplett aus den Angeln.
Diese Melodielinien....unbeschreiblich!
Das, was ich da gerade hörte, das war keine Musik!!!
Nein, das war `ne Sprache!
Eine Sprache, die innerhalb von knapp zwei Stunden meine komplette Existenzwahrnehmung umprogrammiert hatte.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem völlig neuen Lebensgefühl.
Für bestimmt fünf Minuten starrte ich nur auf das Priest-Cover.
Alles war heller geworden. Weiter. Erhabener. Mystischer....unbeschreiblicher.
Und ich wusste: Ab nun war nichts mehr wie bisher!!!
...wie im Rausch schaufelte ich mich die nächsten Wochen, Monate und Jahre durch alles, was ich finden konnte.
Durch Zeitschriften, Bücher, CD-Beilagen, Metal-Kataloge und Anekdoten.
Ich fand raus, dass es Iron Maiden doch noch gab ("Brave New World", "Live After Death" in der Bibliothek, wo sonst?!), kaufte mir meine zweite CD nach Hybrid Theory: "The Book Of Burning" von Virgin Steele und im Anschluss meine dritte: "Rock in Rio". (Von wem wohl.)
Während meine Haare immer länger wurden und ich für meine erste Kutte sparte, liefen auf VH1 bzw. Viva Plus Rock- und Metalvideos, für die man anrufen musste.
Carcass (Heartwork), Left To Rot (Hypocrisy), Dismember, Dark Funeral, Sepultura, Slayer, Nuclear Assault - Alles, wenn's nicht Nickelback war, landete auf sich immer schneller füllenden Videokassetten.
Außerdem nahm ich Mixtapes* auf.
Für Freunde, die ich versuchte, mit mir in den metallischen Abgrund zu reißen.
*Party Hits hießen die.
Erst kam fünf Sekunden Britney Spears, dann das irre Lachen von "Onkel Hotte" (Oliver Kalkofe) und dann Napalm Death.
Mein erstes Konzert erlebte ich dann zufällig.
Weil ich dieses Erlebnis in ähnlich ausufernder Länge aber bereits beschrieben habe, verzichte ich mal lieber auf `ne Wiederholung an dieser Stelle.
...und Iron Maiden:
Die sah ich zum ersten Mal tatsächlich erst im Jahr 2013.
In Berlin.
Auf `nem Sitzplatz, auf dem ich -sorry, not sorry!!!!!!!!!!!!! an die böse schauenden Typen hinter mir- einfach nicht sitzen bleiben konnte, und mir völlig entrückt die Seele aus dem Leib geschrien habe.
Ps. An dieser Stelle möchte ich noch einmal dem kanadischen Profi-Angler mit den Dreadlocks danken, der mich den ganzen Abend mit Getränken versorgte und trotz der unerschwinglichen Preise am Leben hielt.