It Bites - Die Prog-Parodie der Popmusik

Dieses Thema im Forum "METROPOLIS - Progressive Rock & Metal" wurde erstellt von GrafWettervomStrahl, 24. August 2020.

  1. GrafWettervomStrahl

    GrafWettervomStrahl Deaf Dealer

    Ja, ich weiß. It Bites passen eigentlich nicht in ein Metal-Forum. Aber da der hochgeschätzte @RageXX auch schon einen Thread für die normalerweise ziemlich floydduseligen Pendragon riskiert hat und damit auf liebe Menschen gestossen ist, die Beiträge geschrieben haben, möchte ich noch die viell. unbekannteste Neo-Prog-Band einreihen in dieses ohnehin ein bißchen durchgeknallte Unterforum. :)

    Ich bin wieder mal ein Frischling und habe It Bites erst in den vergangenen Wochen so recht kennengelernt. Ihr einziger Hit war auf dem 1986er Debutalbum und hieß "Calling all the heros". Naja. Wer das Video dazu anschaut, wird vermutlich denken, daß bei Alphaville auch nicht alles schlecht gewesen ist. Die gesamte erste Platte der Band leidet in meiner Wahrnehmung an einem sicherlich gekonnten, aber etwas großspurigen Auftreten, dem damals noch nicht die dazu nötigen Melodien und Harmoniefolgen sekundierten.

    Das war beim Zweitling "Once Around The World" aus dem Jahr 1988 komplett anders. Mich hat diese Platte komplett aus den Socken gehauen - was für eine Meisterschaft in Sachen Komposition von eigensinnigen, dabei extrem eingängigen und teilweise stark verfrickelten Songs! Und hier sind sogar einige Passagen dabei, die einen etwas höheren Härtegrad aufweisen. Wie schon im Titel angekündigt, erscheint mir das, was auf "Once Around The World" zu hören ist, wie eine Parodie auf Pop. Oder um es mit Bezug auf Melodieseligkeit und ihre Brechung mit Heinrich von Kleist zu sagen: "Das Paradies ist verriegelt und verschlossen, der Cherub steht davor. Wir müssen die Reise um die Welt antreten und sehen, ob es von hinten offen ist..." (aus der Erinnerung zitiert).

    Muß man in einem Metal-Forum wirklich Kleist zitieren? Naja, It Bites sind schon so etwas wie A Thinking Man´s Band, in ihren Texten, die streckenweise ebenso idiosynkratisch daherkommen wie die Musik, besonders aber sicherlich von den übermäßig verklausulierten Songstrukturen, die einen ordentlich fordern, zugleich aber mit honigsüßer Eingängigkeit zu locken verstehen.

    Ein befreundeter Plattenhändler hat mir neulich gesagt, bei It-Bites-Konzerten Ende der 80er seien eigentlich nur Musiker im Publikum gewesen. Das wundert mich wenig, denn einmal wurde die Band wohl von der Musikpresse weitgehend ignoriert (die Info entnahm ich der eclipsed) und war deswegen auf dem Kontinent fast unbekannt, und dann spielen bei It Bites sicherlich die mit Abstand fähigsten Musiker aus dem gesamten 80er-Neoprog-Universum.

    Wenn ich ein bißchen provozieren wollte, würde ich sowas wie "Dream Theater light" andeuten, aber erstens will ich nicht provozieren, sondern lieber zu entspannten Gesprächen einladen, und dann träfe das auch nicht den Kern der Sache - so wie ich sie zumindest verstehe. Denn das Frickeln ist bei It Bites nicht nur Selbstzweck. Okay, ich schwurble mir hier gerade einen ab, was ich sagen will ist einfach:

    It Bites haben auf sorgfältigste Art und Weise die Oberflächlichkeit der gewöhnlichen Popmusik dekonstruiert, um am Ende so etwas wie "Pop-Prog auf wesentlich höherer Stufe" rauszubekommen. P-P allerdings mit den vielfältigsten Versatzstücken vermischt, rhythmisch extrem elaboriert und oft mit einem gewissen Hang zur Selbstironie.

    Francis Dunnery singt, indem er viele komische Geräusche einstreut, imo klare Anzeichen für eine ironische Brechnung des Vorgetragenen. Der Keyboarder und "zweite Sänger" (zeitgleich mit dem ersten, nicht etwa abwechselnd) John Beck ist ein Meister der Klangtexturen und des Harmoniegesangs, die Rhythmusabteilung, wie erwähnt, extrem tight und durchsetzungsfähig. Höchstes Niveau.

    Auch der Sound von "Once Around The World" ist absolut erstklassig, obwohl verschiedene Toningenieure am Werk waren. Dicke Empfehlung meinerseits also, der fast 15-minütige Titeltrack am Schluß des Albums bietet wahrscheinlich den besten Einblick in die urige Welt der Meister musikalischer Doppelbödigkeit.

    Hört hier jemand sowas?
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. August 2020
  2. Eiswalzer

    Eiswalzer Till Deaf Do Us Part

    Oft gelesen, diesen Bandnamen, aber nie gehört. Das müsste ich mal ändern. Danke für die Anregung.
     
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  3. GrafWettervomStrahl

    GrafWettervomStrahl Deaf Dealer

    Danke Dir für das Dich-Anregenlassen! :top:
     
  4. Susi666

    Susi666 Till Deaf Do Us Part

    "Calling all the heroes" kenn ich noch. Fand ich auch gut damals.

    Nachden ich das Eröffnungsposting gelesen hatte, dämmerte es mir, daß It Bites doch auch vor längerer Zeit mal im RHF erwähnt wurden. Kurze Recherche ergab: Der Keyboarder John Beck spielte 2005 auf dem Album "Picture" der Prog Rock-"Supergroup" Kino:

    Gesang / Gitarre – John Mitchell (Arena, ist dort aber 'nur' Gitarrist)
    Bass – Pete Trewavas (Marillion)
    Keyboards und Gesang auf „Swimming in Women“ - John Beck (It Bites)
    Drums – Chris Maitland (Ex-Porcupine Tree)
    (Besetzung aus dem RHF rüberkopiert)

    Von "Picture" fand ich langfristig zwar nur "Losers' Day Parade" richtig geil, aber in das oben angepriesene zweite It Bites-Album werde ich die Tage mal reinhören.

    Danke für den Tip!
     
  5. Vauxdvihl

    Vauxdvihl Till Deaf Do Us Part

    Nun, die frühen Sachen von IT BITES kenne ich nicht, aber die beiden Reunion-Scheiben, wo neben John Beck auch John Mitchell am Werk ist. Beides schöner, sehr britischer Prog Rock, der aber sicher keinerlei Pop parodiert. Wobei ich von den Mitchell-Bands neben ARENA die Debüts von KINO und FROST* immer am stärksten fand.
     
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  6. Acrylator

    Acrylator Till Deaf Do Us Part

    Interessante Bandvorstellung, danke dafür!
    Kannte ich bisher auch nur vom Namen her. Hab mir jetzt einige Songs der ersten beiden Alben angehört (auch das lange Titelstück vom zweiten) und finde das musikalisch/kompositorisch auch sehr interessant! Leider ist die Soundästhetik so gar nicht meins (polierter, synthetischer 80er Pop-Sound halt), das ist dann leider doch zu weit weg von meinen Hörgewohnheiten...
     
  7. RageXX

    RageXX Till Deaf Do Us Part

    Eine schöner Thread, den Du da eröffnet hast, werter Graf. Tatsächlich ist diese Band immer ein wenig an mir vorbei gegeistert, obwohl ich im Besitz der Alben "The big Lad in the Windmill" und "Eat me in St. Louis" bin. So recht blicke ich da nicht durch, denn es sind meiner Erinnerung nach einige Songs hier auf beiden Werken vertreten, offiziell führt aber Musiksammler keines der Alben als "Best of" bzw. Compilation.

    Mich hat die Musik immer an eine "progressive Wave-Variante" erinnert, rockiger, aber doch noch poppig, dazu diese Schulterpolsterproduktion. "Calling all the Heroes" ist dabei natürlich der alles überstrahlende Ohrwurm, wohl auch der einzige "Hit" den diese Band je hatte. Songs wie "All in Red" allerdings haben für mich allerdings sogar einen gewissen Nervfaktor, den ich schlicht nicht ausblenden kann. Wohl auch deshalb ist länger nichts von It Bites in meinem CD-Player gelandet.

    Die Reunion seinerzeit ist wohl auch John Mitchell zu verdanken, der - so ich mich recht erinnere - ein großer Fan der Band war und ist. Dennoch kenne ich die beiden "neuen" Alben nicht, was vielleicht ein Fehler sein könnte....

    In jedem Fall inspirierend, um die beiden CD's aus meiner Sammlung mal wieder aufzulegen, da hier Melodie mit Virutosität immens Hand in Hand gehen, so fern mir geläufig hat man später, also mit Mitchell an der Gitarre, wohl eher ein wenig in Richtung Neoprog umgeschwenkt. Habe da seinerzeit mal reingehört, aber echt nur halbherzig und scheinbar gab es da wohl Spannenderes für mich.

    Schön auch: die Erwähnung von Frost* und Kino seitens @Vauxdvihl. Das letzte Kino-Album ist komplett untergegangen, dabei ist es großartig, ich habe dazu auch in meinem Rezi-Faden ein recht detailliertes Review verfasst:

    https://forum.deaf-forever.de/index.php?threads/aufgelegt.10118/page-5#post-1472410

    Mittlerweile sehe ich beide Alben von Kino auf Augenhöhe und ich sehe da ziemliche Parallelen zum Sound von It Bites. So könnte die Band heute klingen, was wohl auch daran liegt, dass Mitchell seinerzeit mit Beck und Dalton gleich 2 ehemalige It-Bites-Musiker mit ins Boot geholt hatte - und, hey, nochmal Kino: "Loser's Day Parade" ist ein Hammer vor dem Herrn:

    https://www.youtube.com/embed/z0MMb_yjy_Q

    oder gern auch live:

    https://www.youtube.com/watch?v=WsONM5vvqws

    Was überdies vergessen wird: die Popmusik der 80er hatte einige großartige Musiker zu bieten, so seien an dieser Stelle Nick Beggs (Bassist, Kajagoogoo, heute The Mute Gods), Mark King (Level 42, ebenfalls Bass), Tears for Fears oder Talk Talk in Summe als auch Nik Kershaw zu nennen, deren musikalische Fähigkeiten klar hinter ihren bekannten Hits zurück stehen in der öffentlichen Wahrnehmung. Die Tatsache, dass diese Könner in der Lage waren, auch mainstreamkompatible Hits zu liefern spricht nur für die Musik der 80er, gerade, wenn man sich den heute nahezu komplett gleichförmigen Mist in der heutigen Heavy-Rotation anhört, der im Grunde in Summe von nur einem Songschreiber stammen könnte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. August 2020
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  8. RageXX

    RageXX Till Deaf Do Us Part

    Darauf muss ich doch noch kurz eingehen: auch, wenn der Herr Gold mittlerweile auch gern "Hüftgold" heißen dürfte, ich mag diese Band. Das nur am Rande und weil ja total Off-Topic.
     
  9. CimmerianKodex

    CimmerianKodex Till Deaf Do Us Part

    Danke für das Erinnern :).
    Wollte längst mal reingehört haben.
     
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  10. Susi666

    Susi666 Till Deaf Do Us Part

    "Once Around The World" war gestern im Briefkasten und macht tatsächlich großen Spaß. Gelungene Mischung aus gutem 80er Pop und tendenziell anspruchsvollen, aber trotzdem leicht verdaulichen proggigen Anteilen. Und der Titeltrack ist tatsächlich musikalisch richtig spannend. Nochmal danke für den Tip.

    :feierei:

    Von "Dream Theater light" sind It Bites dann aber doch noch ein Stück entfernt...
     
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  11. GrafWettervomStrahl

    GrafWettervomStrahl Deaf Dealer

    Mein lieber Rage, das freut mich, daß Du mittust. :) Ich habe auch die beiden von Dir genannten Alben und bei mir gibt es keine Überschneidungen. Und keines ist eine Compilation, das sind beides OriginalVÖ.

    "Schulterpolsterproduktion" ist ein geniales und fürs erste Album genial treffendes Wort! :verehr: Und weißt Du was? Mich nerven beide Songs. Das gesamte erste Album läuft quasi an mir vorbei, viel Substanz kann ich da für mich nicht ausmachen. Das ist so verdammt nah an den nicht so döllen Kunstschaffenden dieser Zeit, daß ich beinahe mit dem Gedanken spielen möchte, die Band hatte sich damals noch nicht so recht "gefunden".

    Darf ich Dir nachhaltig die "Once Around The World" ans Herz legen? Meine Güte, Rage, wenn du am Meer über eine längere Autobücke fährst und dazu "Hunting the whale" hörst oder zum Start in den Tag eben den auch von Susi erwähnten, langen, recht sehr proggigen Titeltrack... da geht mein Herz schon auch auf, muß ich Dir sagen.

    Von ihrer dritten Platte ist natürlich der Weltklasse-Song "Still too young to remember" erwähnenswert, ich habe ein Live-Album (VÖ 1991), da ist das der Schlußsong, bei dem auch das Publikum mitsingen kann. Schon grandios, wie da diese gutgelaunte Melancholie eingefangen wird...
     
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  12. GrafWettervomStrahl

    GrafWettervomStrahl Deaf Dealer

    Da freue ich mich aber sehr, daß Du Dir sogar extra die CD angeschafft hast und nicht enttäuscht wurdest. Natürlich war mein Ausdruck "DT light" eine augenzwinkernde Provokation, obwohl der musikalische Standard nicht sonderlich viel niedriger angesiedelt sein dürfte bei It Bites. Eine interessante Gestalt ist ja dieser Francis Dunnery. Ein kurioser Kerl. Eigenwillig, hochtalentiert, blitzgescheit und mit einer Chuzpe, die man bei einem (damals) noch so jungen Menschen wohl nicht oft gesehen haben dürfte.

    Sein Gesang ist ja doch recht exaltiert, aber sein Gitarrenspiel über jeden Zweifel erhaben. Dunnery war übrigens nach der Auflösung der Band Anfang der 90er eine zeitlang Gitarrist bei Robert Plant. Er ist der Blondie in der grünen Hose, der erst nach etwa der Hälfte des Songs ins Bild kommt:

    https://www.youtube.com/embed/bC-6rzkb8C8

    Francis Dunnerys Bruder war ebenfalls Gitarrist bei einem berühmten Solokünstler, ich ahbe aber vergessen, bei welchem. Der zweite auffällige Musiker in der Band ist natürlich Keyboarder John Beck, der wohl heute noch dabei ist, oder? Den werdet Ihr vermutlich besser kennen als ich, ich freue mich über jeden Hinweis zu seiner Laufbahn oder seinen Eigenheiten...

    Dunnery übrigens unterhält wohl auch eine It-Bites-Filiale (wie bei Queensryche zeitweilig) und welche Reputation er in der Musikerszene noch heute mit Bauch und abben Haaren genießt, kann man allein anhand mehrer YT-Videos erahnen, in denen Meister wie Steve Hackett und Guthrie Govan an seiner Seite auftreten. Der künstlerische Wert solcher Rencontres mag sein, welcher er wolle, aber einen link möchte ich doch hersetzen:

    https://www.youtube.com/watch?v=oUpH_w3BUrM

    Und auch der sei mir noch gestattet, mein Lieblingsauftritt, so weit ich diese Band bisher kennengelernt habe. It Bites 1989 in Tokio. Mit dem anderen großen Prog-Song ihres mit Abstand besten Albums "Once Around The World", nämlich dem Lied "Old man and the angel":

    https://www.youtube.com/watch?v=hBd401c9ak4
     
  13. Menschenfeind

    Menschenfeind Deaf Dealer

    Die Frost* Scheibe ist super.
     
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